"Die Sucht nach Schuhen ist gesund"

26. Juli 2005, 11:48
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Schuhe sind wie Zucker, man will immer mehr davon. Sagt Manolo Blahnik, der Schuhmacher der Stars

Es gibt Schuhe, und es gibt Blahniks. Der Meister der Highheels ist zwar schon seit den 70er-Jahren für das engagierte Fußvolk ein Begriff, zum Durchbruch verhalf ihm aber die Kult-TV-Serie "Sex and the City". Seitdem kann Manolo Blahnik in den USA keinen Fuß mehr auf die Straße setzen.

Der Standard: Wie viel Paar Schuhe haben Sie eigentlich?

Manolo Blahnik: Frauen- oder Männer- schuhe?

Der Standard: Wie bitte?

Manolo Blahnik: Frauen- oder Männerschuhe? Das ist doch klar, ich hebe meine Prototypen auf.

Der Standard: Fangen wir bei den Männerschuhen an.

Blahnik: Keine Ahnung. Ich habe die Paare noch nie gezählt. Sie sind überall - in Italien, in New York, hier in London -, ich habe da völlig den Überblick verloren. Ich archiviere meine Entwürfe. Es ist immer der erste Schuh, der, den ich mit meinen eigenen Händen gemacht habe. Das sind mittlerweile ungefähr 2700 linke Schuhe.

Der Standard: Warum nur die linken?

Blahnik: Weil immer der linke der Prototyp ist. Das ist irgendeine komische Tradition.

Der Standard: Sehr traditionsbewusst sind Ihre Schuhe sonst aber nicht.

Blahnik: Meine eigenen Schuhe sind sehr, sehr traditionsbewusst. Ich habe nur handgefertigte Schuhe, die sehr konservativ sind. Seit den 50er-, 60er-Jahren werden Männerfüße doch nur noch verhunzt. Ich kann diese ganze Turnschuh-Kultur nicht leiden. Egal, ob die dann von Prada oder Nike stammen, ich finde das scheußlich. Turnschuhe gehören in eine Turnhalle und nicht in ein Restaurant oder ein Theater.

Der Standard: Bei Damenschuhen fabrizieren Sie ja nicht unbedingt zurückhaltende Ästhetik.

Blahnik: An einem Frauenfuß ist ein Schuh wie ein Schmuck. Ein Mann borgt sich ja auch nicht ein Abendkleid von seiner Frau oder etwas von ihrem Schmuck. Das wäre ja lächerlich. Frauen tragen Roben und extravagante Outfits, warum soll ich dann triste Schuhe machen? Ist auffällig gleich teuer?

Der Standard: Bei Ihnen fängt ja kein Schuh unter 500 Dollar an.

Blahnik: Wirklich? Keine Ahnung. Ich kümmere mich nicht um die Preise. Meine Schwester macht den ganzen kaufmännischen Teil. Kalkulationen, Buchhaltung, also alles, was langweilig ist. Die Arme. Dafür muss ich dauernd durch die Welt fliegen.

Der Standard: Wenn Sie nicht einmal die Preise für Ihre eigenen Schuhe kennen, wann haben Sie dann zuletzt einen normalen Laden betreten?

Blahnik: Ich habe dafür keine Zeit. Schauen Sie: Ich bin heute früh aus New York zurückgekommen und war vorher in Peking. Jetzt bin ich zwei Tage in London, dann fliege ich nach Norditalien, in die Fabrik. Heute bin ich drei Stunden hinter meinem Zeitplan. Wie soll ich da noch shoppen gehen?

Der Standard:Warum machen Sie eigentlich keine Kollektion für Männer?

Blahnik: Ich mag Männerschuhe nicht. Die sind doch langweilig. Oder man versucht, "Design" zu machen. Das sieht immer irgendwie falsch aus, da wirkt jeder Mann wie ein Gigolo. Da sind mir sogar Birkenstocks lieber. Allerdings: Ich habe keine.

Der Standard:Hört sich ja alles sehr abgehoben an. Schmeißen Sie sich wenigstens abends einmal eine Pizza in den Ofen?

Blahnik: Wirklich nicht. Pizza, und dann noch tiefgefroren, das ist doch das Ende der Esskultur. Da kann ich ja gleich Pappe essen. Außerdem kann ich nicht kochen. Ich gehe fast jeden Abend essen.

Der Standard: Macht das noch Spaß?

Blahnik: Kommt darauf an. In London ja, das hat sich zum Glück völlig geändert. In Amerika nicht so. Aber ich habe sowieso ein Problem mit der amerikanischen Kultur. Eigentlich hasse ich dieses Verflachte.

Der Standard: Immerhin sind das Ihre besten Kunden.

Blahnik: Das sind die guten Amerikaner (lacht).

Der Standard: Die aber alle auf Ihr Design abfahren.

Blahnik: Ja, aber alle auf unterschiedliches. Texanerinnen wollen etwas anderes als New Yorkerinnen, Frauen aus Los Angeles etwas anderes als Frauen in Chicago.

Der Standard: Für jede Stadt den eigenen Pumps?

Blahnik: Nein, das mache ich nicht. Ich designe einfach so viel, dass für jeden das Richtige dabei ist. Ich mag es lieber, wie Europäer shoppen. Die kaufen zwei bis drei Sachen, die wissen, was sie wollen. Amerikaner kaufen 15, 16. Die seufzen "I love it in every color" und zücken die Kreditkarte.

Der Standard: Sie haben Recht und Kunst studiert. Vermissen Sie Leinwand und Pinsel?

Blahnik: Manchmal. Aber ich drücke mich heute viel komplexer aus. Bei einem Gemälde konzentriere ich mich nur auf das, was ich male, bei Design ist viel mehr gefordert. Das hört sich schrecklich hochnäsig an. Zur Erklärung: Vor jedem Schuh gibt es diverse Zeichnungen, da kann ich meine Muse beschäftigen. Und Schuhe sind so komplex. Das ist auch ein Stück Architektur. Der Aufbau, die Statik, welche Materialien wie belastbar sind. Also ich könnte genauso Ingenieur oder Architekt sein.

Der Standard: Warum sind alle Ihre Schuhe so irrsinnig hoch?

Blahnik: Das stimmt doch gar nicht. Ich habe auch Schuhe ohne Absatz!

Der Standard: Unter zehn Zentimeter Höhe konnten die Mädels von "Sex and the City" doch gar nicht laufen.

Blahnik: Müssen sie ja auch nicht. Ich bin hin- und hergerissen über die Serie und den Effekt, den sie auf meine Karriere hatte. Den Rummel und die Popularität mag ich nicht besonders. Für das Geschäft war es großartig, und aus dem Grund bin ich sehr dankbar. Obwohl es mich schon vorher gab und die Schuhe schon vorher Kult waren, jetzt sind sie nur populärer.

Der Standard: Hauptdarstellerin Sarah Jessica Parker ist die Manolo-Botschafterin Nummer eins. Und die Nummer zwei ist Kate Moss, oder?

Blahnik: Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Wir sind die besten Freunde. Wenn ich etwas für sie tun kann, tue ich es. Und umgekehrt. Ich hatte eine Ausstellung über meine Arbeit im Londoner Design Museum, sie war da und hat ganz euphorisch über meine Schuhe gesprochen.

Der Standard: Wie kommt es, dass Frauen 100 Paar Schuhe haben und immer noch mehr wollen?

Blahnik: Warum mag man Zucker? Schokolade? Leute haben nun einmal Süchte. Und süchtig nach Schuhen zu sein, ist wahrscheinlich die gesündeste Sucht.

Der Standard: Haben Sie als "Dealer" ein Team um sich?

Blahnik: (lacht) Nein. Ich bin Einzelgänger. Ich habe nicht gerne viele Menschen um mich.

Der Standard: Über Privates gibt es kaum Informationen. Ich habe nicht erfahren, wo Sie wohnen.

Blahnik: Das ist doch klasse!

Der Standard: Noch einmal konkreter: Wo wohnen Sie?

Blahnik: Ich habe ein Haus in Bath, westlich von London. Vier Monate im Jahr arbeite ich in der italienischen Fabrik an meinen Kollektionen, dann bin ich oft in New York, reise durch die Staaten. Ich mache aber keine Ferien! Ehrlich gesagt mag ich Ferien nicht. Das Einzige, was ich ganz gerne mache, ist Kirchen zu besuchen. Aber warum soll ich mich in eine Hängematte legen und nichts tun? Das ist doch langweilig.

Der Standard: Und wie richten Sie sich ein?

Blahnik: Wo? In Bath oder in London?

Der Standard: Wo kommt denn auf einmal London her?

Blahnik: Na ja, ich habe natürlich ein Appartement in London. Das ist etwas kleiner.

Der Standard: Im Vergleich wozu?

Blahnik: Zu dem Haus. Ich brauche viel Platz. Platz ist Freiraum, ist Luxus. Aber fragen Sie mich nicht, wie viele Quadratmeter das Haus hat. Ich merke mir so etwas nicht. In Bath habe ich genug Platz für meine Bücher. Das ist alles, was ich brauche: meine Bücher, meine Bücher und meine Bücher.

Der Standard: Und die liegen dann auf dem Boden herum?

Blahnik: Nein. Das ist ein altes Haus aus dem 17. Jahrhundert, innen ist es im Stil der 20er-Jahre eingerichtet. Ich liebe Bauhaus, Mies van der Rohe. Das sind Kontraste zu dem Haus, die sehr, sehr intensiv sind. Also die Kombination aus einem Kelim mit einer Bauhaus-Lampe in einem georgianischen Gebäude - das ist schon sehr speziell. Das sind eigentlich fast alles Einzelstücke, die auch für sich stehen können.

Der Standard: Und das Innenleben Ihrer Läden?

Blahnik: Ich finde es grässlich, wenn Läden überall auf der Welt gleich aussehen. Ich habe ja nur fünf Shops, aber die sehen alle anders aus. Der älteste in London ist irgendwie Pompei, altes Rom, aber nicht kitschig, New York ist cool und lang, Moskau ist weiß und grün, wieder ganz anders.

Der Standard: Gibt es Designer für das Interieur?

Blahnik: Nein, nein! Ich mache das alles selbst. Ich sage den Leuten, was sie zu tun haben. (Der Standard/rondo/1/4/2005)
Andreas Tölke sprach mit ihm
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    foto: presse manolo blahnik
  • Highheel-Großmeister Manolo Blahnik
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    Highheel-Großmeister Manolo Blahnik

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