Der Grasser-Effekt

9. Mai 2005, 14:26
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Der Strompreis ist längst wieder auf dem Niveau vor der Liberalisierung, dafür gibt es um 5500 Arbeitsplätze weniger - Kollateralschaden der Liberalisierung

Seit 1998 ist der heimische Strommarkt liberalisiert, anfangs nur ein bisserl (für die Industrie), seit 2003 für alle (auch für die Haushalte). Österreich war ein Musterschüler bei der Umsetzung des freien Strommarkts in der EU, der in Deutschland noch weit gehend auf dem Papier, in Frankreich überhaupt nicht existiert.

Jetzt wissen wir auch im Detail, warum: Denn den Nutzen daraus zogen nicht Herr und Frau Österreicherin, wie das die Regierung angepriesen hat, sondern vor allem der Finanzminister. Der hat sich den Großteil der Einsparungen in Form einer erhöhten Energieabgabe gleich wieder einverleibt. Relativ gut bedient wurde noch die Industrie (ein Schelm, wer da an Zusammenhänge mit Spenden an einen dem Finanzminister in keiner Weise nahe stehenden Homepage-Verein denkt). Die Energieversorger wurden effizienter, beackern neue Geschäftsfelder und machten höhere Gewinne.

Kollateralschaden

Wer sich Aktien von diesen Unternehmen gekauft hat, hat also auch was von der Liberalisierung - sonst aber nicht, weil der Strompreis für Haushalte längst wieder auf dem Niveau vor der Liberalisierung ist. Dafür gibt es um 5500 Arbeitsplätze in der Branche weniger, quasi Kollateralschaden der Liberalisierung.

Jetzt spricht nichts gegen effizientere und somit profitablere Unternehmen. Aber eine Regierung, die den Liberalisierungsgewinn einsackt und gleichzeitig für eine seit Jahren beständig steigende Arbeitslosigkeit verantwortlich zeichnet: Die verspielt jedes Vertrauen dafür, dass entmonopolisierte Märkte für Normalverbraucher einen Nutzen haben könnten. Das ist schade, weil nach den alten Monopolen kann man sich nicht ernstlich zurücksehnen. Aber der Grasser-Effekt ist auch keine Alternative, die Reformfreude aufkommen lässt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.3.2005)

Von Helmut Spudich
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