Liberalisierung war ein Jackpot für den Finanzminister

15. April 2005, 15:49
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Den Löwenanteil der eingesparten 900 Millionen Euro holte sich der Finanzminister, einen Teil die Großkunden. Haushalte gingen fast leer aus, dafür fehlen 5500 Jobs

Wien - Seit 1998 wurde der heimische Strommarkt schrittweise liberalisiert - Abnehmer können sich ihren Anbieter aussuchen und müssen nicht mehr beim regionalen Monopolisten kaufen. Waren es anfangs nur die ganz großen Verbraucher, die davon Gebrauch machen konnten, ist der Markt seit 2003 völlig liberalisiert: jeder Kleinsthaushalt kann den Anbieter wechseln.

Seit 1998 wurden dadurch 900 Mio. Euro gespart, obwohl der Verbrauch im selben Zeitraum um 15 Prozent gestiegen ist. Aber es sind nicht in erster Linie die Stromkunden, die sich über billigere Preise aufgrund effizienterer Energieversorger freuen konnten: Hauptnutznießer der Liberalisierung war der Finanzminister, der sich fast die Hälfte der Ersparnis (390 Mio. Euro) in Form einer höheren Energieabgabe zurückholte. Die Unternehmen selbst holten sich, dank Rationalisierungen und neuer Geschäftsfelder, einen Teil der Ersparnis als höhere Gewinne zurück (plus 230 Mio. Euro). Großkunden erreichten Preisreduktionen von insgesamt 200 Mio. Euro, bei den Kleinkunden kamen schlussendlich gerade noch 80 Mio. Euro an - fast gar nichts bei den Privathaushalten. Das ergab eine Studie des Beratungsunternehmens A.T. Kearney, das die Auswirkungen von sechs Jahren Liberalisierung unter die Lupe nahm.

5500 Arbeitsplätze gingen verloren

Finanziert wurden die Einsparungen hingegen in erster Linie durch den Abbau von Arbeitsplätzen: Die schon vorher einsetzende Rationalisierung beschleunigte sich ab 1998 kräftig, 5500 Arbeitsplätze sind es heute weniger, was in diesem Zeitraum für eine Kostenersparnis von 500 Mio. Euro sorgte. Eingespart wurde weiters bei den Pensionskosten der Energieunternehmen (210 Mio. Euro) und bei der Verringerung von Abschreibungen (190 Mio. Euro, eigentlich ein Buchgewinn).

Ernüchternd fällt die Bilanz bei den Kostenvorteilen für Kunden aus: Zwar müssen Großkunden deutlich geringere Preise zahlen als vor der Liberalisierung, bei den Privatkunden "sind wir wieder auf Preisen vor der Liberalisierung angelangt", sagt Thomas Gasser von A.T. Kearney.

Hohe Netzkosten

Ein Grund dafür sind die im internationalen Vergleich relativ hohen Kosten für das Stromnetz (der Preis seit der Liberalisierung wird in Netzpreis und Energiepreis geteilt, damit Anbieter ohne Netz Strom liefern können - sie zahlen dem Netzbetreiber stattdessen für die Verwendung seiner Leitungen). Gleichzeitig sind die Energiekosten in Österreich relativ niedrig, wodurch sich ausländische Unternehmen für den heimischen Kleinkundenmarkt bisher kaum interessiert haben.

Hier wird es eine Änderung geben: Der Regulator hat angekündigt, die Netztarife weiter senken zu wollen. Allerdings erwartet Gasser im Gegenzug eine Erhöhung der Energiepreise - womit der Endpreis entweder auf gleichem Niveau bleibt oder sogar steigt, weil A.T. Kearney bis 2006 mit einer 25-prozentigen Steigerung der Stromkosten rechnet. (Helmut Spudich, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.3.2005)

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    Bei den Netztarifen liegt Österreich im EU-Spitzenfeld, dafür ist Strom billig - was Ausländer fern hält.

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