Illuminationen vom Feinsten

5. April 2005, 13:15
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Buchmalerei der Robert-Lehman-Collection bietet das renommierte Antiquariat Jörn Günther an

Hamburg - Die Buchmalerei zählt zu jenen Kapiteln der Kunstgeschichte, die keinesfalls im Schnelldurchlauf konsumierbar sind. Der Zeitraum reicht bis in die Antike zurück und hier bis zu den Totenbüchern der Ägypter. Die Entwicklungsgeschichte ist besonders komplex und wurde wohl am trefflichsten von Ernst Gombrich beschrieben: "Die Ägypter stellten dar, was sie wussten, die Griechen, was sie sahen, und erst im frühen Mittelalter lernten die Künstler in ihren Werken auszudrücken, was sie fühlten."

Und hierbei ging es - auch in Ermangelung an Vorbildern - weniger um die naturgetreue Darstellung der Wirklichkeit oder der Schönheit, als den Glaubensbrüdern den Gehalt und die Bedeutung der heiligen Geschichte näher zu bringen. Nicht selten haben die Bebilderungen von Schriften deshalb naiven Charakter.

"Es ist leicht, darüber zu lächeln, aber gar nicht leicht, es ihnen gleichzutun", schrieb Gombrich dazu. Der größte Entwicklungsschub vollzog sich am Beginn des 14. Jahrhunderts mit Giottos Abkehr von der steif anmutenden byzantinischen Manier und dem wachsenden Einfluss des Florentiner Malers nördlich der Alpen. Die Illumination folgte verschiedenen Prinzipien der Gestaltung.

Sie reichten von der Praktik spätantiker Buchmalerei, als illustrierende Einfügung in den Text, bis zur vollen Entfaltung der mittelalterlichen Buchmalerei mit selbstständigem, inhaltlich unabhängigem Bildteil und mit Vollbildern, die den Text begleiteten, dann mit figürlichen Darstellungen als Buchstabenzier und schließlich als Randzier. Eine der hochkarätigsten Sammlungen lockt derzeit Liebhaber von illuminierten Einzelblättern und Miniaturen nach Hamburg.

Das international renommierte Antiquariat Jörn Günther erwarb vom Metropolitan Museum of Art Teile des legendären Bestands der insgesamt 3000 Werke umfassenden Robert-Lehman-Collection, seit 1975 im gleichnamigen Flügel des New Yorker Museums untergebracht: 160 bedeutende Blätter, welche die Entwicklung der Buchmalerei vom 13. bis 16. Jahrhundert in beeindruckender Weise dokumentieren. Eine erste Tranche von 80 Blättern präsentierte das Antiquariat im Rahmen der TEFAF Maastricht. Mehr als ein Dutzend wechselten prompt in Sammlungen in die Niederlande, nach Deutschland in die Schweiz und die Vereinigten Staaten.

Die Angebotspreise liegen zwischen 5000 Euro für Miniaturen aus einem französischen Stundenbuch, Ende des 15. Jahrhunderts, und 600.000 Euro für die Pacino da Bonaguida zugeschriebene ganzseitige Miniatur aus dem Chorbuch der Laienbruderschaft von Sant'Agnese in Santa Maria del Carmine (Florenz).

Der Schwerpunkt in Bezug auf die Preisspanne liegt insgesamt auf Miniaturen im fünf- und sechsstelligen Bereich. Und der nächste Käufer steht quasi in der Tür: Das Getty Museum ließ sich das Pergamentblatt mit der Darstellung Johannes des Täufers zur Ansicht schicken.

Das von Cosimo Tura in Ferrara um 1470-80 illuminierte Blatt war ursprünglich Teil eines liturgischen Gesangbuches und zählt zu den teuersten Exemplaren der Lehman-Collection. (kron/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.3.2005)

  • Um 1470/80 illustrierte Cosimo Tura aus Ferrara die Seite eines Gesangbuches mit Johannes dem Täufer als Initial-Figur.
    foto: jörn günther

    Um 1470/80 illustrierte Cosimo Tura aus Ferrara die Seite eines Gesangbuches mit Johannes dem Täufer als Initial-Figur.

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