"Exils": Reise an den Ursprung der Fremde

31. März 2005, 20:12
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Eine Reiseroute gegenläufig zum Mainstream der Migration: Tony Gatlifs musikalisches Roadmovie "Exils"

Wien - Die Reiseroute verläuft gegenläufig zum Mainstream der Migration. Zano (Romain Duris) und Naima (Lubna Azabal) sind ein junges französisches Paar nordafrikanischer Abstammung, das aus Paris in das Land ihrer Eltern, nach Algerien, aufbricht. Keine Notsituation zwingt sie dazu, sie folgen eher einer inneren Eingebung. Wer sie sind, steht auf dem Spiel, die Frage nach dem eigenen Ursprung, nach Familienwerten und Traditionen, die das Dasein in Europa unbeantwortet gelassen hat.

Exils, der neue Film von Tony Gatlif (Gadjo Dilo), steht mit seinem Fokus auf die zweite Generation maghrebinischer Einwanderer im aktuellen französischen Kino nicht alleine da. Auf der letzten César-Verleihung wurde etwa Abdel Kechiches L'esquive - der in Österreich noch auf seine Kinoverwertung wartet - zum Überraschungssieger gekürt. Es geht darin um den Lebensalltag von Jugendlichen an so genannten sozialen Brennpunkten. An der Paris-Peripherie entspinnt sich ein spielerisches Drama um Identitätsentwürfe - die Aufführung eines Theaterstücks von Marivaux setzt sich darin in etwas abgeänderter Form im wirklichen Leben fort.

Gatlif entwirft mit seinem Roadmovie demgegenüber eine Bewegung heraus aus den "Parallelgesellschaften" und sucht, mit den ihm eigenen synkretistischen Mitteln, eine Kultur, die sich durch ihr nomadenhaftes Wesen und die wechselseitige Durchdringung verschiedener ethnischer Einflüsse charakterisiert: "Zano und Naima sind weder von hier noch von woanders", führt Gatlif, der in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde, im STANDARD-Interview aus.

"Die Menschen wissen nicht, wohin oder wozu sie gehören. Das ist keine Lappalie. Sie sind in den 60er- und 70er-Jahren nach Europa gekommen, seitdem hat sich diese Völkerwanderung noch verstärkt. Menschen, die im Exil leben müssen, werden dort oft nicht akzeptiert, höchstens toleriert. Den Kindern geht es nicht anders. Sie teilen das Unbehagen ihrer Eltern, empfinden aber auch diesen gegenüber ein ambivalentes Gefühl."

Insofern wird die Reise für Zano und Naima auch zu einer Ausweitung des eigenen Horizonts: Sie begegnen einer Roma-Truppe, einem algerischen Flüchtlingspaar, das einen Weg hinein in die Festung Europa sucht - wobei es unter den Migranten immer wieder zu einzelnen solidarischen Akten kommt. Dass sich gerade auch unter diesen Heimatlosen situationsbedingt Konkurrenzverhältnisse einstellen, ist ein Aspekt, den Gatlif vernachlässigt. Er sucht das Gemeinsame eines geteilten Schicksals, das die prekäre politische Lage mitunter zu überdecken droht.

Passage via Musik

Eine besondere Rolle kommt in Exils, wie noch in jeder Arbeit von Gatlif, der Musik zu. Von den elektronischen Klängen des Beginns vollzieht der Film auch auf dieser Ebene eine Entwicklung nach, über Roma-Musik, Flamenco bis zu traditionellen arabischen Instrumenten. "Die Musik trägt die Geschichte des Films mit", so Gatlif. "Sie erzählt die Reise der beiden Figuren noch einmal auf ihre Weise. Die elektronische Musik ist jene des Paares, der Flamenco steht schon für die Durchdringung der Kulturen - Andalusien gehörte ja lange zum Maghreb."

Zur Bewährungsprobe wird die Ankunft in Algerien - mit der dortigen Realität einer islamischen Gesellschaft verbindet das Paar nur wenig. Zano vermag zwar wehmütig an die Geschichte seiner Familie anzuschließen, wenn er deren damalige Wohnung fast unverändert vorfindet. Für Naima gerät die Begegnung mit einer imaginären Vergangenheit problematischer. Sie spricht weder Arabisch, noch kann sie mit dem dort herrschenden Frauenbild viel anfangen.

Eine Möglichkeit, dieses Dilemma einer doppelten Exils zu überwinden, liefert an dieser Stelle wiederum ein Rückgriff auf eine kulturelle Tradition. Mittels eines Sufi-Tanzes, der gleich einem Initiationsritual einen Eintritt in eine Gemeinschaft gewährt, setzt Gatlif einen versöhnlichen, geradezu utopischen Schlussakkord: "Wenn es auch keine Auflösung gibt, so stellt sich über diese Szene des Tanzes zumindest eine Art Heilung ein. Das Sufi-Thema ist ja eines, das sich auf die Heilung der Seele bezieht."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.3.2005)

Von Dominik Kamalzadeh

Ab 1.4. im
Burgkino

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    foto: cinestar
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