Die Tourette-Telefonistin

31. März 2005, 19:07
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Es war gestern. Die Frau mit dem roten Mantel direkt hinter dem Busfahrer im 57A. Dort, wo früher der Fahrscheinautomat war ...

Es war gestern. Die Frau mit dem roten Mantel direkt hinter dem Busfahrer im 57A. Dort, wo früher der Fahrscheinautomat war. Sie lehnte sich über die Frau am „Regiesitz“ (also dem, der gegen die Fahrrichtung schaut) – und telefonierte. „Des san Methoden, da muass ma einschreiten“, hollerte sie, „der Miststiararin reiss i den Oasch auf und dann den Kopf ab.“

Die Frau im roten Mantel telefonierte nicht laut. Sie brüllte. Im tiefsten Dialekt. So laut, dass man es noch am anderen Ende des halbvollen Busses verstand. Verstehen musste. Sie schimpfte. Und zwar so unflätig, dass sogar einer der Halbwüchsigen vor mir den Kopf einzog. Die Frau im Regiesitz tat, als gäbe es sie nicht. „Der dreh ich in der Küche eigenhändig das Gas auf, der dreckigen geilen Sau.“

Flucht

Nach zwei Minuten war allen das Grinsen eingeschlafen. Die im roten Mantel dachte nicht daran, aufzuhören. Und als sich die Frau im Regiesitz in die letzte Reihe flüchtete – vermutlich hatte sie für drei Leben genug Ausdrücke über ungewaschene weibliche Geschlechtsorgane gehört –, folgte ihr die Telefonistin. Sie setzte sich neben sie und brüllte von „Methoden, die den Tod verdienen“ ins Telefon. Die beiden Mädchen, die auf der Rückbank telefoniert hatten standen auf. „Und die anderen Nutten könnte ich auch erschlagen.“

Dass da irgendwas nicht stimmte, überriss ich erst, als es zu spät war: Die Telefonmädchen waren – wie die Regieplatzfrau ­ ausgestiegen. Ich tippte ein SMS. Als ich aufsah, stand die Brülltelefonistin neben mir. „Dem stinkenden Erbschleicher ramme sich seinen hässlichen Kopf in den Hintern. Ersticken soll er“, tobte sie. Ich tat unsichtbar. „Ich weiß, ich bin im Recht. Wenn ich ihn umbringe, wird man mir dankbar sein.“ Ihre Vokabeln hatte ich nicht einmal in meinen Favoritner Jahren gehört. Mein Ohr wollte sich einrollen.

Verfolgung

Ich wurde die Tourettelefonistin nicht los: Die nächste Haltestelle war Endstation. Und während sie ihrem Handy – daran, dass da am anderen Ende jemand war, glaubte ich längst nicht mehr – erzählte, welche Gegenstände sie in den (– meinen –) „Erbschleicherhintern ungespitzt, angeheizt oder mit ätzenden Substanzen einführen und wenden“ würde, ging sie keine drei Schritte hinter mir zur Straßenbahn. Ich war knapp daran davonzulaufen. Vor einer ältlichen, knapp einssechzig großen, ungepflegten Frau mit rotem Mantel und Telefon.

Meine Rettung nahte in Form einer Mutter, die ihrem Kind die Ohren zu hielt. „Die Bastarde aus der Hölle schicke ich zurück in Abrahams Wurschtkessel. In blutigen Einzelteilen,“ röhrte es neben Mutter und Kind. Beide bekamen offensichtlich Angst. Wir stiegen in die Straßenbahn. Der Fahrer tat taub.

Opfer

Bevor ich mich als Opfer wieder anbieten/einmischen konnte, hatte eine ­ nichtsahnende – dicke Frau mit Pizzakarton diesen Part übernommen: „Können Sie nicht etwas leiser telefonieren?“ fragte sie höflich. Und hatte die Mantelfrau im Nacken. „Am schlimmsten ist diese fette Sau mit ihrem Ausländerfraß. Wenn die nicht an ihrem eigenen Schweißgestank ertickt, werde ich ihr irgendwann einmal das Essen persönlich verabreichen. Bis sie platzt.“ Nein, nicht oral. Der Straßenbahnfahrer wurde rot. Er zog den Kopf ein.

Das neue Opfer hatte offenbar noch nicht durchschaut, was da los war: Die dicke Frau mit der Pizza ignorierte die Telefoniererin und stieg aus. Die Frau im roten Mantel folgte ihr. Brüllend. Jetzt hatte die Dicke begriffen – und begann zu laufen. Die Frau im Mantel lief auch. Der Straßenbahnfahrer schloss die Tür und fuhr los.

Aus dem Fenster sah ich, dass die Pizzafrau ihre Verfolgerin abgeschüttelt hatte. Die stand jetzt allein bei der 71er-Endstelle, tat, als würde sie wählen und schaute sich um. Ein Mann in Anzug und mit Aktenkoffer stellte sich zum Fahrplan. Die Frau im roten Mantel hob das Telefon ans Ohr. Und ging auf ihn zu.

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von Thomas Rottenberg

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