"Ade, lebt wohl, auf wiedersehen..."

31. März 2005, 07:00
1 Posting

Liebe, Krieg und Alltag: Frauen waren große Briefschreiberinnen - zur Geschichte der privaten Korrespondenz

Briefe galten jahrhundertelang als typisch weibliche Ausdrucksform. Im 18. Jahrhundert etwa waren die "Frauenbriefe" die einzige schriftliche Sprachaktivität, welche die "aufgeklärte" Gesellschaft der Frau zubilligte. Junge Mädchen sollten demnach vor allem folgendes lernen: Geschichte, Rechnen und das Schreiben eines Briefes. Frauen haben im Briefschreiben neue Standards gesetzt, der Brief wurde für sie später eine "Brücke für weitere literarische Tätigkeiten" und so als "Motor der Frauenemanzipation" verstanden.

Vom 16. Jahrhundert zum 2. Weltkrieg

Die Universitätsprofessorinnen und Historikerinnen Christa Hämmerle und Edith Saurer haben in der spannenden Geschichte der privaten Korrespondenz gestöbert. Ihr 312 Seiten starker Band über "Briefkulturen und ihr Geschlecht" sammelt interdisziplinäre Beiträge über Briefe im Alltag und den Alltag in Briefen, Briefe zwischen Wanderungen, Emigration und Exil, Briefe im und vom Krieg. Die Autorinnen und Autoren (ent-)führen in verschiedene Regionen Europas wie Amerikas, ins 16. Jahrhundert wie in die Wirren des 2. Weltkriegs.

Die meisten Briefstudien sind Beiträge der Ringvorlesung "Frauenbriefe – Männerbriefe. Zur Geschichte der privaten Korrespondenz", die im Sommersemester 2000 an der Universität Wien abgehalten wurde. Briefwechsel von Theodor Storm oder jener zwischen Otto und Käthe Leichter werden ebenso unter die wissenschaftliche Lupe genommen wie die Korrespondenz von Ordensschwester Maria Celeste an ihren Vater Galileo Galilei im frühneuzeitlichen Europa.

Brieffreundschaften

Dem Kult der Brieffreundschaft widmet sich ein Beitrag über den Briefwechsel zweier junger Lehrerinnen in Wien um 1900, ein weiterer betrachtet die Geschlechter- und Familienkonzeptionen in der Korrespondenz einer Schweizer Pfarrfamilie Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Diskussionen der Frauen- und Geschlechtergeschichte über eine "Entfremdung der Geschlechter" im Laufe des Ersten Weltkriegs wird ebenso aufgenommen wie Liebesbriefe und das Thema Brief und Öffentlichkeit. Ein eigenes Kapitel ist weiters zentralen literaturwissenschaftlichen Fragen der Brieftheorie gewidmet.

Einen wichtigen Beitrag zur (Er-) Forschung der privaten Kommunikation von Frauen liefert seit den frühen 1990er-Jahren die "Sammlung Frauennachlässe" des Instituts für Geschichte an der Uni Wien. Sie hat sich die Überlieferung und Archivierung verschiedener Selbstzeugnisse von Frauen zum Ziel gesetzt und dokumentiert eine große Bandbreite privater Schriften, die Frauen hinterlassen haben – von Briefen, Tagebüchern und Haushaltsbüchern bis zu Fotoalben, Gedichten und Familiengeschichten. (isa)

Hämmerle, Christa/Saurer, Edith (Hg.):
"Briefkulturen und ihr Geschlecht" - Zur Geschichte der privaten Korrespondenz vom 16. Jahrhundert bis heute,
L'Homme Schriften,
Band 7 - Reihe zur Feministischen Geschichts-
wissenschaft,
Böhlau 2003,
312 S / 36 Euro,
ISBN 3-205-99398-5.

Link
Sammlung Frauennachlässe
  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Artikelbild
    cobver: böhlau
Share if you care.