Kochen gegen Kuratoren

5. April 2005, 13:15
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"Update" - Im Künstlerhaus formuliert sich Unmut gegen die gängige Ausstellungspraxis

Wien - Horror Vacui: Diese "Angst vor der Leere" ist kein Phänomen der Kunstgeschichte längst verflogener Jahrhunderte. Auch zeitgenössische Künstler und Kuratoren sind dagegen nicht immun: Das Krankheitsbild wurde zuletzt im Künstlerhaus diagnostiziert. Damals wie heute sind die Symptome sehr verspielt: Bevölkerten im Hochmittelalter etwa fratzenschneidende Monster und Fabelwesen Säulchen und Gesimse, so tummeln sich im Künstlerhaus zwischen Boden und Fries knallrote Schwimmflügerl in einem Wust aus bedrucktem Papier.

"Update", kuratiert von Lorenz Seidler, will aber mehr präsentieren als zeitgenössisches Wanddekor von Künstlern der Wiener Off-Szene. Überlebensstrategien: Selbstvermarktung, Vernetzen und Multitasking. "Alternative Handlungsfelder" nennt der Begleittext das, was real so aussieht: heute Grafiker, morgen DJ und am Freitag - endlich - Künstler sein. Das ist laut Seidler die Lebensrealität der jungen Kunstschaffenden.

Die vorgeführten Vernetzungstaktiken nehmen mitunter parasitäre Züge an: herrK zeigt den Schmäh, wie man in Kettenbrief-Manier ein Kontaktnetz zu Kuratoren aufbaut. Dass diese möglichst wichtig sein sollten, versteht sich von selbst. praxis erstellte daher eine Rangliste dieser Berufsgruppe und verdeutlicht damit ihr Unbehagen über das in Magazinen zu wahrer Blüte getriebene "Messverfahren".

Die Gruppe t.a.s.c. stellt die Kuratoren als gelangweilte Nagelkauer dar. Die ungeliebte, aber für den Erfolg so bedeutungsvolle Spezies wird hingegen bei Richard Jochum statt der Kunst gleich selbst im Glaskubus ausgestellt. Zeigt sich hier die Verneinung des Systems Kunst oder doch mehr der Frust über das eigene vergebliche Abstrampeln?

"Ich bin Künstler, lasst mich da rein!" - Sind es Verzweiflungstaten, wenn magda_inga+lexa einen Kunst-Stempel basteln und auch gleich den nötigen Bausatz zur Verfügung stellen? Mündet die Verbitterung über die harten Spielregeln der Kunst gar in Spieltrieb? Aldo Gianotti klebt die Konterfeis berühmter Künstler in Kugeln. Auf einer Achterbahn sind sie nur noch Figuren in einem Kinder-Spiel.

Das Desinteresse des Kunstbetriebs an der eigenen Arbeit führt vereinzelt zu charmanten Einfällen: Christian Eisenberger baute sich gleich eine eigene Kunsthalle: Trotz ihrer bescheidenen Maße von 48 x 36 x 19 cm lockte die K2-Semriach einige bekannte Größen an, die ihre Arbeit "en miniature" ausstellen wollten.

Doch auch eine Kunsthalle wächst einmal über ihren Schuhkarton hinaus, und so baute er das "Neumneum": Über mehrere Karton-Stockwerke und Boxen-Säle hinweg beherbergt es eine Sammlung von Reproduktionen von Beuys bis Zobernig.

Was bei "Update" offensichtlich überwiegt, ist jedoch die Ernüchterung über den Kunstbetrieb. So werden zwecks besseren Verkneifens der Schmach Neigungsgruppen mit familiären Zusammenhalt gebildet (pogmahon.art.club), wo gekocht und getröstet wird. Aber in existenziellen Härtefällen ist es mit ein bisschen Balsam auf die "Ich-AG Künstler" noch nicht getan: Ivan Igor Sapic entwickelte daher das Projekt "mietkünstler". Als Gärtner oder Babysitter wird zumindest die Butter am Brot leistbar, und die Kunden erhalten eine künstlerisch aufgewertete Dienstleistung. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.03.2005)

Von Anne Katrin Feßler

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"Update"
noch bis Sonntag, 3. April
  • t.a.s.c. zeigt Kuratoren bei der Arbeit im Rahmen einer Jury-Sitzung: gelangweilt, rauchend und an den Nägeln kauend.
    foto: künstlerhaus

    t.a.s.c. zeigt Kuratoren bei der Arbeit im Rahmen einer Jury-Sitzung: gelangweilt, rauchend und an den Nägeln kauend.

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