Baritonale Erzählkunst

4. April 2005, 01:38
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Wolfgang Holzmair gibt im Musikverein zwei Konzerte mit "veredelten Volksliedern" - Der Bariton im STANDARD-Gespräch über "ewiges Jungsein"

Wien – Gemeinhin hält man Künstler für ein Volk, das munter in den Tag hineinlebt und sich um seine Zukunft keine Sorgen macht. Wolfgang Holzmair scheint jedoch ein weit blickender Mann zu sein, der dieser klischeehaften Vorstellung nicht entsprich. Sogar die Inschrift, die dereinst in seinen Grabstein gemeißelt werden soll, hat er schon festgelegt: "Hier ruht der junge oberösterreichische Bariton Wolfgang Holzmair."

Seit Jahrzehnten nämlich bleibt der Vöcklabrucker für die Wiener Rezensenten "der junge oberösterreichische Bariton". Und dies auch jetzt noch, als über Fünfzigjähriger. Dem Manne kann jedoch geholfen werden. In der New York Times stand zu lesen, dass er "von allen heutigen Sängern den instinktsichersten Zugang zum Liedgesang" habe. Wäre auch eine geeignete Inschrift für einen Grabstein. Wenn es um ehrende Beiwörter geht, ist Holzmair auch sonst bestens sortiert. Nach seinem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft könnte er sich auch als Magister bezeichnen.

Oder gar als Professor. Leitet er doch am Salzburger Mozarteum auch eine Klasse für Lied- und Oratoriengesang. Nach unter anderem 15 Liederabenden, die er in New York, 25, die er in London gesungen hat, weiß er, worüber er zu seinen Studenten spricht. Der Liederabend ist nämlich die schwierigste Gesangsdisziplin. Ist man als Opernsänger indisponiert, kann man sich entschuldigen lassen, man wird von Orchester und Ensemble getragen und, wenn es geht, kann man hinter die Kulissen ein wenig Erleichterung herbeihusten.

Nicht so bei einem Liederabend. Da steht man allein da und muss 70 Minuten lang unterhalten. Sicher, der Klavierbegleiter ist auch da und als Partner wichtig. Entscheidend für Holzmairs Partnerwahl ist, "ob man menschlich zusammenpasst". Denn nur dann besteht die Voraussetzung, dass "man gemeinsam atmet". Wie in der Beziehung zwischen Dirigent und Orchester ist dieses gemeinsame Atmen die Grundvoraussetzung für den Liedgesang.

Die Liedgeschichte

Dann wird nämlich überhaupt das erst möglich, was Liedgesang für Holzmair bedeutet: Das Erzählen einer Geschichte. Und die einzelnen Geschichten sollen bei einem Liederabend in einem Zusammenhang stehen. Das führt zu Holzmairs Vorliebe, vom Trampelpfad der gängigen Programme abzuweichen. So hat er für seine beiden Konzerte (mit Roger Vignoles als Begleiter) eine Kollektion von Volksweisen zusammengestellt, die von Mahler, Bartók, Brahms und Janácek "veredelt" wurden.

Da er die Bartók- und die Janácek-Lieder in Originalsprache singt, könnte es mit dem "Geschichtenerzählen" jedoch schwierig werden. Holzmair sieht keine Schwierigkeit. Er weiß um die in guten Liedern vollzogene beinah alchimistische Verschmelzung von Wort und Musik. Das Ergebnis ist so sinnfällig, dass eigentlich schon der Liedtitel genügt, um dessen Inhalt erlebbar zu machen. Daher hält er auch vom Mitlesen der Übersetzungen nichts. Daher hat er auch als gefragter Opernsänger seine Reserven gegen Inszenierungen, die sich ausschließlich auf Textdeutung beschränken.

Auch in der Wahl der Partien nimmt er sich das Recht heraus, in Fällen, in denen er das Gefühl hat, diesen (noch) nicht gewachsen zu sein, Nein zu sagen. Dafür gibt es einige, zu denen er mittler Weile recht gerne Ja sagen würde.

Zum Beckmesser zum Beispiel (Meistersinger). Weil er diese Gestalt nicht bloß komisch sieht, sondern auch tragisch. Nach Holzmair ist dieser doch kein Niemand. Als Stadtschreiber ist er eine respektierte Persönlichkeit und als Märker ein Kenner des Meistergesangs.

Beckmessers Tragik liegt für ihn in der Liebe zu Eva, die in den meisten Gestaltungen nicht sichtbar wird. Auch der Don Alfonso in Mozarts Cosí und Bergs Wozzeck stehen auf Holzmairs Wunschliste, der kürzlich als Golaud in Debussys Pelléas et Melisande in Paris Erfolge feierte und sich nach seinen Konzerten vielleicht doch wieder als "junger oberösterreichischer Bariton" wiederfinden wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.03.2005)

Von
Peter Vujica

Konzerte
am 30. März und 1. April
  • Artikelbild
    foto: standard/corn heribert
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