Kommentar der anderen: Im falschen Film

5. April 2005, 12:44
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Sollte die heimische Filmkritik nichts mit Film zu tun haben? Fragen eines Regisseurs - Von Andreas Gruber

Ich sitze in der Premiere meines neuen Films Welcome Home, das Publikum lacht viel und gern. Erheblich verspätet lese ich im STANDARD, dass ich einen traurigen Film gemacht habe, in dem man nichts zu lachen hat.

Immer wieder passiert es mir – ganz besonders bei österreichischen Filmen –, dass mich nach vorheriger Lektüre diverser Kritiken in jenen Printmedien, die sich wohl als Avantgarde der österreichischen Kulturkritik verstehen (z. B. Falter, STANDARD, Profil), im Kino der furchtbare Verdacht überkommt, ich muss mich im Saal geirrt haben. Nach all dem, was ich vorher gelesen habe, kann ich nur im falschen Film sitzen. Oder sollte das, was sich da Filmkritik nennt, in Wirklichkeit gar nichts mit Film zu tun haben?

Jene professionellen Erstrezipienten der Kritikeravantgarde schreiben, was immer sie wollen, selten genug von dem, was auf der Leinwand zu sehen ist. Der jeweilige Film scheint nur Anlass. Mit verkopfter, durch und durch ideologisierter – aber eben völlig unpolitischer – Theoriebildung werden wortreich und messerscharf Beweisführungen gestrickt, die zuallererst beweisen, wie sehr der Filmkritiker alles durchschaut hat.

Es scheint, unsere Kritikeravantgarde steht in interner Konkurrenz, einer Art Durchblickermeisterschaft. Dabei geht es weder um Filmwahrnehmung noch um Weltwahrnehmung oder die Spannung dazwischen, sondern um Welterklärung.

Mit Ironie sei vermerkt, wie sehr diese besserwisserischen Erklärungsversuche die Absicht der (meiner) Filme konterkarieren, ohne Erklärung zu erzählen. Ich mache keine Filme, um sie als Beispiele missbrauchen zu lassen, wie die Welt richtig zu sehen ist und meine Filme misslungen sind, weil ich die Welt falsch sehe. Das setzt ja immer voraus, dass mir einer erklärt, wie die Dinge richtig zu sehen sind. Meine Wahrnehmung der Welt und die (Re)Konstruktion der Filmbilder, die ich daraus entwerfe, folgen keiner Doktrin. Die Unbedingtheit des Rezensentenblicks (Wahrheit) generiert einen totalitären Dogmatismus, daneben verblasst der Präfekt der römischen Glaubenskongregation Josef Ratzinger zum beliebig liberalen Freigeist.

Die Bandbreite tolerierbarer Haltungen und damit filmischer Erzählformen verengt sich auf die Linie des Kritikers. Das, was ständig von den Filmen als politische Haltung eingemahnt wird, nämlich dissidentes, abweichlerisches Verhalten (wieso eigentlich?), wird, wenn es gegenüber dem Vorurteil der Rezensenten geschieht, umgehend abgestraft.

Es ist eben gerade kein politischer oder ästhetischer Diskurs, wenn mit Begrifflichkeiten wie "zu wenig radikal" oder "zu versöhnlerisch" tatsächlich nur Forderungen und Vorstellungen der Kritiker formuliert werden. Voraussetzung für das Schreiben über Film und Zeichen des Respekts vor der Arbeit der Filmemacher wäre ein Mindestmaß an handwerklichem Verständnis und Kenntnis von Wirkungsmechanismen.

Darf man saloppe Ahnungslosigkeit unterstellen, wenn viele dieser Kritiker mit traumwandlerischer Sicherheit gerade jene Filme als Entdeckungen feiern, die mit großem Mut zur Peinlichkeit ihren Dilettantismus zur Schau stellen, während umgekehrt jeder, der sein Handwerk beherrscht, a priori in einen Generalverdacht gerät? Diese doktrinäre Theorielastigkeit im Text offenbart eine erhebliche Fehleinschätzung des Filmischen an sich, was sich offensichtlich in der Rezeption und in der sprachlichen Reflexion zu einem großen blinden Fleck ausweitet.

Film ist das Gegenteil von Abstraktion, nämlich der Versuch, im Augenblick konkret zu werden. Die sprachliche Annäherung, dem gerecht zu werden, kann kein Diskurs leisten, der sich der Emotionalität des Visuellen verweigert. Wie Arno Gruen so treffend beschrieben hat, kippt Abstraktion ab einem gewissen Punkt in Destruktivität.

Ich denke mir, das ist der Kern des Dissenses: Mir ist die nihilistische Destruktivität als Weisheit letzter Schluss im gängigen Kulturbetrieb einfach zu platt. Ich kann die große intellektuelle Versteher- und Erklärerpose, hinter der sich emotionale Selbstverweigerung versteckt, nicht mehr ernst nehmen. Ich will und kann diese dauerpubertäre Attitüde des Hinrotzens (Marke Falter) nur mehr als Melodram eines missglückten Rollenverständnisses verstehen.

Ich darf als Filmautor erwarten, dass meine Arbeit nicht nach den ideologischen Abweichungen von einer Welt als Wille und Vorurteil qualifiziert oder disqualifiziert wird. Ich darf als Filmautor von führenden Rezensenten ein professionelles Selbstverständnis erwarten, das Filmarbeiten gerecht werden will und nicht ständig in latenter Aggressivität mit der Sichtweise der Filmemacher ins Gericht geht. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.03.2005)

Zur Person

Der Autor ist Filmregisseur ("Hasenjagd"). Er lebt in Wels. Sein jüngster Spielfilm "Welcome Home" kam vor wenigen Tagen ins Kino.

Nachlese

Schuld der Schwerfälligkeit
Von Claus Philipp
  • Artikelbild
    foto: standardregine hendrich
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