Forscher warnen vor weiteren Starkbeben im Indischen Ozean

6. April 2005, 21:50
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Neuerliches Seebeben war kein direktes Nachbeben der Tsunami-Katastrophe, aber weitere starke Erdstöße drohen - Mit Grafik

Im Indischen Ozean könne und dürfe auch jetzt noch keine Entwarnung gegeben werden, konstatiert Geophysiker Gottfried Kirchengast von der Universität Graz. Das Seebeben mit der Stärke 8,7 vor Sumatra, durch das am Montag vermutlich 2000 Menschen ums Leben kamen, stehe in Zusammenhang mit jenem katastrophalen Beben, das am 26. Dezember einen Tsumani ausgelöst und weit mehr als 250.000 Menschen getötet hatte.

Energie gespeichert

Und man müsse damit rechnen, dass entlang der tektonischen Plattengrenzen in diesem Risikogebiet noch immer genügend Energie für weitere Starkbeben gespeichert sei. Diese könnten sich in den nächsten Monaten ereignen. Wie aber ist das möglich? Immerhin sind dem Weihnachtsbeben der Stärke 9,3 schon bis zum Montag Dutzende Nachbeben gefolgt. Mehr als bei den meisten früheren Starkbeben. Verglichen mit anderen extremen Erdstößen sollte die Spannung nun also abgebaut sein.

Neuland

"Das Problem ist", erklärt Kirchengast, dass das Beben zu Weihnachten "nicht nur in Stärke und Folgen für Mensch und Umwelt" kaum zu vergleichen sei, sondern auch bezüglich seiner geodynamischen Auswirkungen. "Innerhalb der Seismologie stehen Wissenschafter hier vor einem Neuland." Erst seit wenigen Wochen lägen genaue Untersuchungsergebnisse des Bebens vom 26. Dezember vor, die auch erklärten, warum die Situation im Indischen Ozean weiterhin angespannt bleibe. Aus vorherigen Analysen der 50 stärksten Beben, die durch plattentektonische Prozesse ausgelöst worden waren, errechneten Seismologen, dass solche extremen Erdbewegungen im Durchschnitt 20 bis 50 Sekunden dauern und dass dabei Bruchlinien von rund 200 Kilometern entstehen. "Das Weihnachtsbeben dauerte jedoch fast zehn Minuten lang", beschreibt der Geophysiker, "und verursachte dabei eine Bruchlinie von rund 1000 Kilometern." Selbst auf der dem Epizentrum entgegengelegenen Seite der Erdkugel habe man noch Auf- und Abbewegungen der Erdkruste von einem Zentimeter gemessen.

Mehrere Bruchstücke

Hinzu komme, dass die Erdkruste entlang der rund 100 Kilometer breiten Bruchlinie "in drei bis vier Sektoren auseinander gebrochen" sei. Und überall an diesen Sektorengrenzen habe sich weitere Spannung aufgebaut, sei Energie gespeichert worden, die in neuen Starkbeben frei zu werden drohe. Und war das Beben vom Montag ein solches? "Nein", sagt Kirchengast. Das Epizentrum dieser Erdstöße lag nämlich nicht in dieser segmentierten Verwerfungszone, sondern etwa 150 Kilometer südöstlich davon. Daher könne man auch nicht von einem direkten Nachbeben sprechen. "Sehr wohl ist aber davon auszugehen, dass ein klarer räumlicher und zeitlicher Zusammenhang zwischen dem jetzigen Beben und jenem vom 26. Dezember besteht."

Es sei also quasi ein "Parallelbeben" – die lediglich drei Monate zeitlicher Abstand seien im Vergleich zum jahrhundertelangen Spannungsaufbau für solche Starkbeben aus krustenphysikalischer Perspektive nämlich als "gleichzeitig" zu betrachten. Dass das jüngste Beben nicht in der segmentierten Verwerfungszone zwischen burmesischer und indonesischer Platte stattgefunden hat, dürfte auch der Grund für den ausgebliebenen Tsunami sein: Dort hätte, wie zu Weihnachten, wahrscheinlich eine Vertikalverschiebung der Erdkruste und der darüber liegenden Wassersäule stattgefunden – eine Voraussetzung für solche Flutwellen. Diesmal jedoch schrammten die burmesische und die australische Platte aneinander vorbei – die Verschiebung lief horizontal. (Andreas Feiertag, DER STANDARD Printausgabe, 30.03.2005)

  • Unruhige Erdkruste - Erdbebenkatastropen weltweit
    grafik: standard

    Unruhige Erdkruste - Erdbebenkatastropen weltweit

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