Das saure Phänomen

30. März 2005, 19:29
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Drei Nahrungsmittel für die Insel? "Das saure Gurkerl fällt einem vielleicht nicht gerade ein ..", meint mein Tischnachbar

Das saure Gurkerl fällt einem vielleicht nicht gerade ein, wenn man nach den drei Nahrungsmitteln gefragt wird, die man auf die Insel mitnehmen würde. Es ist aber, wie sich zeigt, lebensnotwendig


Vorweg: Es gibt nicht viele Dinge, an denen man sich noch nicht überfressen hat. Dazu zählen natürlich jene Elemente, deren Seltenheit oder hoher Anschaffungspreis dies verhindern, weiters solche, bei denen’s einem nach zwei oder drei Bissen eh schon reicht. Und dazu zählt auch das Essiggurkerl. Jeder liebt Essiggurkerl, aber niemand, den ich kenne (und ich hab in den letzten Tagen viele gefragt), konnte sich daran erinnern, die von ihr/ihm überaus geschätzten Essiggurkerl schon einmal in solchem Ausmaß verzehrt zu haben, dass man eher nicht mehr mit angenehmen Gefühlen an das kleine, warzige, grüne Gurkerl denkt, das sich da mit seinen lustigen Artgenossen im Glase tummelt.

Im Gegenteil. Das Essiggurkerl adelte die Wurstsemmel zur Gourmet-Wurstsemmel; das Essiggurkerl erhob das Käsebrot bei den südburgenländischen Buschenschenken erst aus seiner vernichtenden Fadheit, wie der liebste Mensch der Welt sich erinnert; das Essiggurkerl vermittelte einem das freudige Gefühl des Wiedersehens eines alten Freundes, wenn es gehackt im Beef tatare auftauchte oder in Brotaufstrichen unvermutet zum Vorschein kam, das Essiggurkerl war der Grund, frühmorgens ein Fiakergulasch zu bestellen, das Essiggurkerl half psychologisch außerordentlich dabei, den anfangs unbewältigbaren Bauernschmaus von der großen Holzplatte wegzuessen (das erforderte allerdings haarscharfe Einteilung und genaue Disziplin!).

Die, die in ihre Brote schon von zu Hause aus Essiggurkerl mitbekamen, waren jedenfalls entweder besonders beliebt, oder die Kinder von Siebeck, genossen jedenfalls ein äußerst seltenes Privileg, dessen sie sich heute – und sei es mit Hilfe eines Therapeuten – erst einmal bewusst werden sollten.

Was aber macht den besonderen Zauber des Essiggurkerls aus? Die Farbe? Das Essiggurkerlgrün ist schon einmal nicht schlecht, ich denke aber doch, dass sie in diesem Fall vernachlässigt werden kann. Die Oberfläche? Ja, die ist schon sehr besonders. Sieht nicht schön aus, gibt der Zunge aber ganz schön was zu ertasten. Die kleinen Warzen (an der Gurke) müssen sein, spezielle und nicht selten alte Sorten mit tollen Namen („Levina“ oder „Vorgebirgstraube“ etwa, Erich Stekovics verwendet diese alten Varietäten der Sorte „Stachelgurke“) haben die besonders stark, diese Warzen sind wichtig, glatte Essiggurkerl wären nur der halbe Spaß.

Die Säure? Ja, schon, die Säure ist wichtig. Wobei ich gestehen muss, dass viele von mir besonders geschätzte Essiggurkerl auch gänzlich ohne feinen Essig auskommen und stattdessen nur in billigem, industriellem Weinessig baden. Das ist natürlich schlimm, ich weiß es, und raubt mir jegliche, noch verbliebene Glaubwürdigkeit bei den wertvollen und lieben Essigmachern Gölles und Gegenbauer, aber was soll ich machen, das Gurkerl liebt meiner Meinung nach auch die mindere Lake. Eh egal, Hauptsache sauer. Weil es nämlich viel wichtiger ist – und damit sind wir beim nächsten Punkt -, dass der Biss stimmt. Der Biss ist es. Dieses krachende Knacken, dieser nachlassende, Saft gebende Widerstand beim Beißen, dieses leise Rumpeln, dieses kernige Gleiten – fantastisch ist das! So dünn kann das Scheiberl gar nicht sein – in den Feinkostabteilungen preiswerter Supermärkte schaffen sie es, mit einem Gurkerl 15 Semmeln zu bestücken – und es funktioniert trotzdem. Waldemar Frauenheim, der unvergessene und unvergleichliche Buffetier bei der Bahnstation Pressbaum brachte im Semmerl schon bis zu zwei Gurkerl unter – entsprechend hoch war sein Ansehen bei jenen, die ihm ihr Taschengeld anvertrauten.

Und was mir im Augenblick ganz besonders deutlich zu Bewusstsein gelangt: Man soll nicht über Essiggurkerl schreiben, wenn man keine zu Hause hat und es Ostermontag am Abend ist. Na ja, ich weiß zumindest, wovon ich heute träumen werde ...

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    foto: derstandard.at
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