Insolvenzen steigen weiter - Täglich gehen mehr als 20 Firmen pleite

15. April 2005, 15:51
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Dramatischer Anstieg auch bei Privat­konkursen - Keine Erholung in Sicht - Verarmter Osten - Schuldenfalle Handy

Wien - Eine Erholung bei den Firmenpleiten und Privatkonkursen in Österreich ist derzeit nicht in Sicht. Bei den Unternehmensinsolvenzen ist heuer mit keiner Verbesserung zu rechnen, die Privatkonkurse werden auf Grund der schwachen Konjunktur und der angespannten Lage am Arbeitsmarkt weiter ansteigen, so die aktuelle Trendanalyse der Creditreform Österreich. Im ersten Quartal 2005 gingen täglich mehr als 20 Firmen pleite.

Die Insolvenzstatistik für das 1. Quartal lasse für das Gesamtjahr 2005 nichts Gutes ahnen, so die Österreich-Tochter der größten europäischen Gläubigerschutzorganisation Creditreform. Die Zahl der Gesamtinsolvenzen (Firmen und Private) nahm im Jahresvergleich um 7,7 Prozent oder um 247 Fälle auf 3.204 Pleiten zu, davon 1.604 Firmenpleiten (plus 589).

Starker Anstieg bei Privatkonkursen

Beachtenswert sei, dass die Privatkonkurse enorm gestiegen sind und zwar um 12 Prozent auf 1.600 zahlungsunfähige Privatpersonen. Wirtschaftsflaute, Rekordarbeitslosigkeit und Schuldenfallen wie das Handy und Online-Shopping seien unter anderem dafür verantwortlich. Die moderne Spaß- und Konsumgesellschaft mit ihrer Sucht nach Shopping und dem Konsum auf Pump tue das ihre dazu.

Für Jugendliche erweise sich vor allem das Handy immer mehr als Einstieg in die Schuldnerkarriere. Der Trend zur Ver- und Überschuldung der österreichischen Haushalte verstärke sich somit besorgniserregend. Dies zeige sich auch an den mangels Masse abgewiesenen Konkursanträgen. Diese für Gläubiger besonders negativen Verfahren explodieren bei den Privatkonkursen um 36 Prozent auf 358 abgewiesene Konkursanträge.

Der Trend bei den Privatinsolvenzen erwecke vordergründig den Anschein, als ob der Osten Österreichs "verarme", so die Creditreform. In Wien stieg die Zahl der zahlungsunfähigen Privatpersonen im 1. Quartal um 35 Prozent auf 349. Damit ist die Hauptstadt für mehr als ein Fünftel aller Privatkonkurse verantwortlich. Die höchste Zuwachsrate weist die Steiermark mit ca. 38 Prozent auf, Niederösterreich verzeichnet ein Plus von 25 Prozent. Oberösterreich, Vorarlberg und das Burgenland haben nur leichte Anstiege zu melden. Einzig Tirol weist einen Rückgang von 20 Prozent auf.

Bei der absoluten Zahl an Unternehmensinsolvenzen liegt Wien (431) vor Niederösterreich (255) und Oberösterreich (235) unangefochten auf Platz eins. Dass bei mehr als der Hälfte der Insolvenzen in ganz Österreich der Konkursantrag mangels Masse abgewiesen werden musste (889 Fälle bei insgesamt 1.604 Firmenpleiten), lässt den Schluss zu, dass in so manchem Fall ein Tatverdacht der betrügerischen Krida vorliege und somit der Akt vom Konkurs- zum Strafrichter wandern könnte.

Sanierungsrecht ist "totes Recht"

Bei den Branchen liegen die Informations- und Consulting-Dienstleister mit 410 Insolvenzen vorne. Platz 2 führt der Handel mit 353 zahlungsunfähigen Betrieben an. Die als Konjunkturmotor geltende Baubranche liegt mit 167 Insolvenzen und 50 abgewiesenen Anträgen auf dem vergleichsweise guten 4. Platz. Ob das auf einen längerfristigen Wandel dieser konjunkturanfälligen Branche schließen lässt, bleibe abzuwarten.

Die niedrige Anzahl an Ausgleichsverfahren (15) zeige, dass das österreichische Sanierungsrecht faktisch "totes Recht" ist. Schuld daran ist wohl die zu hohe Ausgleichsquote von 40 Prozent. In den wenigen Fällen, wo diese Quote vorhanden ist, werden alle Mittel für die Finanzierung des Ausgleichs verwendet, anstatt die Unternehmen - auch im Sinne der Gläubiger - nachhaltig sanieren zu können.

Creditreform fordert daher, das Insolvenzrecht verstärkt auf eine Unternehmenserhaltung und -sanierung auszurichten. Als Beispiel könnte Chapter 11 des US-Bankrupcy Code dienen. Danach können bei einer guten Fortbestandsprognose Unternehmen gewisse Sonderrechte beantragen. Das Management darf weiterarbeiten, muss aber innerhalb von 120 Tagen einen Sanierungsplan vorlegen. Es gibt keine vorgeschriebene Ausgleichsquote, sondern diese wird zwischen Schuldnern und Gläubigern ausverhandelt. (APA)

  • Bei der absoluten Zahl an Unternehmensinsolvenzen liegt Wien unangefochten auf Platz eins.
    foto: standard/andy urban

    Bei der absoluten Zahl an Unternehmensinsolvenzen liegt Wien unangefochten auf Platz eins.

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