Interview: Hans Schmid, Capitals-Boss

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    foto: standard/matthias cremer

"Der Mensch ist das wichtigste Gut" - Über Trans­piration und Inspiration im Eishockey und in der Werbung

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STANDARD: Fällt Ihnen zu den Vienna Capitals ein Werbeslogan ein?
Schmid: Nein. Ich habe mich von der Werbung verabschiedet, denke nicht mehr daran. Wahrscheinlich fällt mir deshalb nichts ein.

STANDARD: Wäre Ihnen früher etwas eingefallen?
Schmid: Ich glaube schon. Wenn man mich geholt und ein Honorar bezahlt hätte. Aber jetzt sind die Fans für Slogans zuständig. Die machen das gut. Zum Beispiel: 43 Jahre sind genug.

STANDARD: Ist es nicht ungewöhnlich, dass das gleiche Produkt unter einem anderen Namen auf einmal funktioniert?
Schmid: Man muss fairerweise sagen, dass es auch vor den Capitals attraktives Eishockey in Wien gegeben hat. Der WEV ist dann Pleite gegangen, so etwas kommt vor. Es gab eine Neugründung, die mit dem alten Klub nichts zu tun hatte. Ich bin kein Multifunktionär in einem Sportverein, habe einen anderen Zugang. Wir versuchen, jede wichtige Position optimal zu besetzen. Das ist nicht leicht, das dauert. Als Geldgeber war ich schon länger dabei, richtig aktiv wurde ich vor eineinhalb Jahren. Weil ich gesehen habe, es geht nur hopp oder dropp. Eigentlich hatte ich keine Ambitionen, Präsident zu werden.

Wir holten einen neuen Trainer, die medizinische Abteilung wurde ausgewechselt, das Management getauscht. Alles, was in Ordnung war, habe ich gelassen. Ich bin kein Freund von Hire and Fire. Der Mensch ist das wichtigste Gut eines Unternehmens. Man muss in die Leute und in ihre Herzen investieren.

STANDARD: Ist es im Sport komplizierter als in anderen Bereichen der Wirtschaft erfolgreich zu sein?
Schmid: Ich habe eine Formel: 70 Prozent Transpiration, 20 Prozent Inspiration und zehn Prozent Glück. Ich glaube mit dem nötigen Abstand noch immer, dass diese Formel richtig ist. Du brauchst vielleicht das Glück, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort bei den richtigen Menschen zu sein. Leute glauben, in der Werbung geht es lustig zu. Und dann sind sie erstaunt, dass man 18 Stunden am Tag arbeitet. Im Sport ist der Faktor Glück ein bisschen höher anzusetzen. Ob ein Fußball in der Champions League an die Latte oder ins Tor geht, mag eine Kleinigkeit sein, der Unterschied kann aber zig Millionen ausmachen. Sich aufs Glück zu verlassen, ist natürlich völlig falsch.

STANDARD: Die Saison hat für die Capitals nicht unbedingt rosig begonnen. Haben Sie sich je die Sinnfrage gestellt?
Schmid: Ich habe mich entschlossen, voll einzusteigen. Es ist die WM in Wien und Innsbruck, das ist eine Riesenchance. Vermutlich die letzte, denn wir werden keine WM mehr kriegen, weil die Hallen zu klein sind. Das Interesse ist enorm. Die Capitals machen zwar Verluste, aber die wurden halbiert, das ist ein großer Erfolg. Es gab hin und wieder schlaflose Nächte, Anflüge von Verzweiflung. Aber gewankt habe ich nie.

STANDARD: Wie kann man die Vienna Capitals etablieren? Kann ein Eishockeyklub in Österreich auf Dauer schwarze Zahlen schreiben? Es fehlt ja immer noch ein Hauptsponsor.
Schmid: Wir wissen, dass aufgrund der Wirtschaftssituation das Sponsoring generell eingeschränkt wurde. Obwohl der Sport für ein Investment eine ideale Bühne bietet. Ich erinnere an die max.bundesliga. Und auch die Erste Bank ist mit dem Engagement im Eishockey zufrieden. Die Capitals haben gute Sponsoren, die Liste ist respektabel. Der große Investor mit Namensgebung fehlt uns noch, das gebe ich zu. Aber man kann positiv bilanzieren, in der Schweiz schreiben sie Gewinne. Das Niveau ist enorm gestiegen, Österreicher werden von der NHL gedraftet. Wir müssen nur aufpassen, dass wir die Taschen kontrollieren. Die Präsidenten sind auf einer Linie, die Liga arbeitet toll. Wir machen Spielern Angebote, die vernünftig sind. Der Erfolg muss langsam wachsen, denn über die Geldmittel des Herrn Stronach verfüge ich nicht.

STANDARD: Ist der Sport also auch von der Politik abhängig?
Schmid: Wenn man in einem Stadion spielt, das der Gemeinde gehört, ist man indirekt abhängig. Anderseits kann es sich kein Bürgermeister leisten, Nein zu sagen. Die Halle gehört ja nicht ihm, sondern den Bürgern. Und die wollen Eishockey. Es gibt regionale Unterschiede, in Kärnten etwa wird mehr gefördert, da gibt es Prämien für den Titel. Wir haben zum Beispiel viel zu wenige Eiszeiten für unseren Nachwuchs. Und dann habe ich die Vision von einer großen Mehrzweckhalle in Wien. Die Albert Schultz-Halle ist zwar sehr schön, aber doch zu klein.

STANDARD: Was ist das Faszinierende am Eishockey?
Schmid: Für mich ist es diese ungeheure Kombination von Kraft und Schnelligkeit, es gibt kein Ausrasten. In den Köpfen spielt sich enorm viel ab. Zudem werden Emotionen gelebt, es gibt ständige Körperberührungen. Nach den wil-desten Prügeleien auf dem Eis reicht man sich in der Kabine die Hand zur Versöhnung.

STANDARD: Ist also die Eishalle der letze Ort, an dem der Mensch Gefühle zeigen kann? In der Berufswelt scheint das Kuschen gefragt zu sein, die Leute haben Angst.
Schmid: Stimmt. Ich war immer sehr emotional, das ist unmodern geworden. Es herrscht eine Verschwörung der Mittelmäßigkeit. Dabei ist der Mensch ein emotionales Gebilde. Der größte Auftraggeber der Marktforschung ist die Firma Angst und Bang. Und darum bin ich froh, dass ich nicht mehr aktiv bin. Es ist kein Mut mehr da. Weder bei den Agenturen, die die Kunden nicht verlieren wollen, noch bei den Auftraggebern. Und auch nicht im Journalismus.

STANDARD: Wird im Sport Herr Schmid zum kleinen Hansi?
Schmid: Nicht unbedingt. Ich bin kein Eishockeynarr, vernarrt bin ich ausschließlich in meine Tochter. Man freut sich, wenn man gewinnt, man ärgert sich, wenn man verliert.

STANDARD: Steht man im Finale, will man es gewinnen. Obwohl die Zielvorgabe erreicht wurde. Besteht die Gefahr, dass der Meistertitel zu früh kommt?
Schmid: Ja. Man kann dann nicht mehr sagen, dass wir ein Ziel verfehlt haben und daraus Lehren ziehen müssen. (Die Fragen stellten Christian Hackl und Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 29.3. 2005)

Zur Person

Diplomkaufmann Hans Schmid (64) steht seit eineinhalb Jahren den Vienna Capitals vor. Der gebürtige Villacher begann als Anzeigenvertreter bei der Kronen Zeitung, gründete 1972 die Werbeagentur GGK, 1980 das Magazin Wiener, hielt 90 Prozent an der AZ. Mitte der Neunziger verkaufte Schmid seine GGK-Anteile um kolportierte 40 Millionen Euro. Er besitzt einen Weinberg, führt die Skybar im Wiener Steffl, ist verheiratet, hat eine zwölfjährige Tochter.

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3 Postings
Es ist kein Mut mehr da. Weder bei den Agenturen, die die Kunden nicht verlieren wollen, noch bei den Auftraggebern. Und auch nicht im Journalismus.

es gibt schon noch mutige, nur werden die totgeschwiegen vom feigen journalismus (ausser von Ö1 und vom AUGUSTIN). jedenfalls hat ein insider ein mutiges buch über die österreichische werbeszene geschrieben und es sogar gewagt, die a****löcher beim richtigen namen zu nennen....
hier nachzulesen:
http://tinyurl.com/6694q

ein glück für die capitals

ein solcher präsident mit einer solchen philosophie ist eigentlich selten. es wäre schön wenn österreich mehr davon hätte. das überrascht sogar insider!

Bravo

Ein interessanter Mann bei einem tollen Verein!

LET´S GO CAPS!

Der Titel soll her, es macht nichts, wenn man daraus keine Lehren ziehen kann:-)

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