Ingmar Bergman: "Wilde Erdbeeren"

25. März 2005, 20:54
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Der Filmtitel klingt nach Sommer, ungezähmter Natur, Verlangen und Sünde und geht um die Suche nach dem Frieden der Seele

Auf Schwedisch hat dieser Film einen anderen Titel. Wilde Erdbeeren - das klingt nach Sommer, ungezähmter Natur, nach Verlangen und Sünde. Das schwedische "Smultronstället" hingegen ist der Ort, an dem man diese Erdbeeren findet, irgendwo versteckt im Wald. Man verrät die Stelle niemandem, denn die Früchte sind klein und selten. Und so geht es diesem Film auch nicht um das Begehren, sondern um die Suche nach etwas Kostbarem:

Der Frieden der Seele soll gefunden werden, und nebenbei soll die Frage nach dem Verhältnis von Charakter und Moral beantwortet werden. Und auch zur Frage, was Schönheit sei, gibt es in diesem Film aus dem Jahr 1957 einige überzeugende Auskünfte.

Der Film beginnt mit einem Albtraum: Isak Borg (Victor Sjöström), ein alter, berühmter Professor der Medizin, träumt, er sei aus der Zeit gefallen und begegnet sich selbst als Totem. Er wacht auf und trifft eine Entscheidung: nicht mit dem Flugzeug nach Lund zu reisen, zur Fünfzigjahrfeier seiner Promotion, sondern mit dem Auto.

Begleitet von seiner Schwiegertochter, der getrennt von ihrem Mann lebenden Marianne (Ingrid Thulin), begibt er sich auf die Reise, die ihn von Stockholm über Östergötland, am See Vättern vorbei bis in den äußersten Süden des Landes führt. Seine Schwiegertochter offenbart ihm die Qualen einer schlechten Ehe, und er erfährt, wie viel er selbst, sein Egoismus, sein Starrsinn damit zu tun haben.

Die beiden machen Station an Orten, die Isak Borg in seiner Kindheit und als junger Mann geprägt haben. Sie lesen gestrandete Reisende auf. Auf jeder dieser Stationen gibt es etwas Existenzielles zu lernen, auf eine völlig unangestrengte, ganz in den Schauspielern aufgehende Weise. Am Ende ist Isak Borg, der bösartige alte Kerl, den der Zuschauer längst lieben gelernt hat, ein geläuterter Mensch, ohne doch irgendetwas von seinem Eigensinn preisgegeben zu haben.

Ingmar Bergman hat viele großartige und berühmte Filme gemacht, aber dieser frühe ist der berühmteste. Zu Recht. Das liegt an der Geschichte, die leicht und schwer zugleich ist. Das liegt an den großartigen, unglaublich lebendigen Schauspielern - man wird nicht müde, ihnen ins Gesicht zu sehen, in ihnen zu lesen, in ihren Zügen nach dem Ausgang des Films zu forschen.

Und es liegt an der berückenden Schönheit der schwedischen Landschaft, an den überraschend vielen "smultronställen" eines strahlenden Sommertags. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.03.2005)

Von
Thomas Steinfeld
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
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