Aus Sparstrumpf mach Portfolio

7. April 2005, 15:14
posten

Eine Studie analysiert erstmals, wie die Osteuropäer privat ihr Geld anlegen. Ergebnis: noch konservativ, aber das ändert sich

Ost- und Zentraleuropa ist ein Dorado für Anleger aus dem Westen - diese Tatsache ist in der internationalen Finanzwelt längst bekannt. Dagegen hat es bis dato kaum jemanden wirklich interessiert, wie sich die Ost- und Zentraleuropäer selbst ihr Gespartes anlegen - wenn sie denn überhaupt welches übrig haben. Zu niedrig sehen die Durchschnittseinkommen auf den ersten Blick aus, als dass sie für das Privatkundengeschäft "interessant" wären. Ein Beispiel: Während die Österreicher jährlich etwa 29.000 Euro verdienen, liegt der Jahresdurchschnitt in Ungarn und Tschechien bei nur 6000 Euro, in der Slowakei bei 4000, in der Türkei knapp unter 3000 Euro und in Rumänien und Bulgarien gar nur bei 2000 Euro.

Dennoch scheinen sich die Perspektiven langsam zu verschieben. Bei Wachstumsraten von drei bis fünf Prozent ist schließlich damit zu rechnen, dass auch die Einkommen der privaten Haushalte stetig wachsen. Klarer Beleg dafür, dass die Finanzwelt offenbar umdenkt: Die internationale Fondsgesellschaft Pioneer Investments mit Sitz in Dublin präsentierte Ende vergangenen Jahres in Frankfurt die erste repräsentative Studie zu "Vermögen, Verschuldung und Anlageverhalten der Privathaushalte in den neuen EU-Beitrittsländern". Gestützt ist die Studie auf vielfältige Datenquellen und Statistiken der nationalen Finanzbehörden. Untersucht wurden die zehn neuen EU-Mitgliedsländer sowie die Staaten der nächsten Erweiterungsrunde (Rumänien, Bulgarien, Kroatien) und die Türkei - als möglicher übernächster Beitrittskandidat.

Sparbuch siegt

Für wie interessant der Studienauftraggeber die Privatkunden der Zukunft hält, wird gleich in der Einleitung klar: "Wir erwarten auf mittlere bis lange Sicht, dass Privatpersonen in der Region langsam nach stärker diversifizierten Portfolios streben und somit auch anspruchsvollere Produkte in ihren Warenkorb aufnehmen werden" - sprich: Anlageformen mit zwar höherem Risiko, aber auch höheren Ertragschancen, die auch die Banken und Fonds erfreuen.

Bis dato dominiert freilich das gute alte Sparbuch in seiner konservativsten Form - es macht etwa 50 Prozent des Gesamtfinanzvermögens in allen Märkten aus. In Tschechien etwa ist das Sparbuch nach wie vor die beliebteste Anlageform. Anders die Ungarn: Ihr Vertrauen in die eigene Finanzkraft ist offenbar groß. Traditionelle Spareinlagen sind immer weniger gefragt, zunehmend investieren sie ihr Geld in Versicherungen und Pensionsfonds, aber auch Investmentfonds und vor allem Anleihen - Letzteres ist auch in der Slowakei eine der beliebtesten Anlageformen.

Türken setzen auf Gold

Türkische Anleger vertrauen traditionell weder auf Spareinlagen noch auf Versicherungen, sie investieren nach wie vor am liebsten in Gold. Kroaten und Esten sind zwar am stärksten von allen Ländern verschuldet, investieren aber gerne in Pensionsfonds. Generell steigt die Verschuldung der Privathaushalte. Dies sei, so heißt es in der Studie, "aber Teil der strukturellen Entwicklung der Finanzbranche". Soll heißen: Nur wenige Privatpersonen verfügen über "altes Geld", können also auf Vermögen durch Vererbung zurückgreifen. Daher wird Vermögen (also etwa der Kauf einer Wohnung oder der Bau eines Hauses) vor allem durch die Aufnahme von Darlehen (= Verschuldung) gebildet. Folgerichtig betrachten osteuropäische Privatkunden auch Bausparverträge als "Anlage-Hit".

Bulgaren dagegen vertrauen offenbar weder Banken noch Fonds: Sie horten unbeirrt Bargeld - wohl auch, wie die Studie spekuliert, "um für den Graumarkt liquide zu sein". (Petra Stuiber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27./28.3.2005)

  • Während die Österreicher jährlich etwa 29.000 Euro verdienen, liegt der Jahresdurchschnitt in Ungarn und Tschechien bei nur 6000 Euro.
    foto: standard/christian fischer

    Während die Österreicher jährlich etwa 29.000 Euro verdienen, liegt der Jahresdurchschnitt in Ungarn und Tschechien bei nur 6000 Euro.

Share if you care.