Interview: Einsperren als „populistisches Allheilmittel“

30. März 2005, 23:53
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Organisierte Kriminalität und die Politik des Einsperrens überforderten die Haftanstalten, meint Gefängnisseelsorger Hans Gruber

Die schwarz-blaue Bundesregierung trage ihren Teil zur prekären Lage in den Gefängnissen bei, indem sie das Einsperren wieder zum Allheilmittel gegen Kriminalität erklärt hat, meint der Linzer Gefängnis-Seelsorger Hans Gruber im Gespräch mit Markus Rohrhofer.

Standard: Die Haftanstalten in Österreich sind überbelegt und platzen aus allen Nähten. Wie brisant ist die Lage denn aus Ihrer Sicht?

Hans Gruber: Die Klientel hat sich geändert, und das macht die Situation auch so schwierig. Die Ostkriminalität hat die heimischen Haftanstalten völlig überfordert. Das kollektive Verbrechen mit mafiaähnlichen Strukturen hat stark zugenommen und die Insassen sind heute nur mehr schwer einschätzbar.

Standard: Was ist da falsch gelaufen, dass die Lage heute so prekär ist?

Gruber: Die hereinbrechende Kriminalität aus Osteuropa war im Vorfeld sicher nicht abzufangen. Hinzugekommen ist aber, dass unter der schwarz-blauen Regierung das Einsperren wieder das populistische Allheilmittel gegen Kriminalität geworden ist. Parallel dazu sind Rückschritte wie etwa die Aufhebung des Jugendstrafvollzugs beschlossen und so irre Ideen wie ein Häfen in Rumänien geboren worden.

Standard: Die Rufe nach mehr bedingten Entlassungen werden wieder lauter. Wie stehen Sie da zu?

Gruber: Lange Haftstrafen sind doch letztlich nur eine egoistische Volksbefriedigung. Es wäre längst an der Zeit, nach neuen Alternativen zur gängigen Haft zu suchen und Betroffene früher zu entlassen. Gerade im Bereich der Jugendkriminalität.

Standard: Sie sind seit 36 Jahren – quasi „lebenslänglich“ - am „Landl“ (Landesjustizanstalt Linz). Ihre Bilanz?

Gruber: Im Bereich der Resozialisierung ist viel Positives passiert. Trotzdem war das Klima früher besser: Man hat die Häfenbrüder gekannt – vom Mühlviertler Häusl-Anzünder bis hin zu den diversen Unterweltgrößen. Heute hingegen weiß ich als Seelsorger oft nicht, wer mir gegenübersitzt. Irgendwie war früher alles auch humordurchzogener.

Standard: Welche Rolle spielt der Glaube im rauen Gefängnisalltag?

Gruber: Es gibt vier Phasen, in denen der Glaube greift. Ein Frischling fällt im Gefängnis zuerst einmal in ein depressives Loch und sucht Halt. Dann kommt die Vorbereitung auf die Verhandlung, in dieser Phase bin ich als Seelsorger oft Testperson und werde nach Strich und Faden angelogen – nach dem Motto „glaubt’s der Pfarrer, dann tut das auch der Richter“. Schwierig ist auch die Zeit nach der Verurteilung und dann gibt es natürlich noch die lebenslange Begleitung.

Standard: Sie bekommen wahrscheinlich viel mit, was dem Wachpersonal verborgen bleibt. Sind da Interessenkonflikte nicht unvermeidlich?

Gruber: Natürlich hadert man mit sich, wenn man zum Beispiel von einer kleinen Schnapsbrennerei in der Zelle oder Ähnlichem erfährt und trotzdem schweigt. Vor allem, wenn dann alles irgendwann einmal auffliegt und es heißt, der Pfarrer hat es ja eh gewusst.

Standard: Schweigen auch bei einem Mord-Geständnis?

Gruber: Da halte ich mich klar ans Beichtgeheimnis. Es ist im Übrigen die Aufgabe des Richters, solche Taten herauszufinden.

Standard: Man erzählt sich, Sie seien selbst auch schon einmal kurz im Linzer Landl „gesessen“? Gruber (lacht): Stimmt indirekt. Nach einem Sonntags- Gottesdienst im Gefängnis war plötzlich der Portier weg und die Tür war zu. Mein Handy lag im Auto und so musste ich rund eine Stunde absitzen, bis Hilfe nahte.

  • Hans Gruber
ist seit 36
Jahren
Gefängnisseelsorger
im
Linzer
„Landl“. Von
langjährigen
Haftstrafen
aus
politischem
Kalkül hält
er nicht viel
    foto: standard/rohrhofer

    Hans Gruber ist seit 36 Jahren Gefängnisseelsorger im Linzer „Landl“. Von langjährigen Haftstrafen aus politischem Kalkül hält er nicht viel

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