Das Zahme und das Ungezähmte

1. April 2005, 14:56
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Henning Mankell in "Tiefe" auf der Suche nach dem Bösen - Welche Ungeheuer verbergen sich in der Seele eines Psychopathen?

Der Seevermesser Lars Tobiasson-Svartmann sucht die Tiefe, weil er sich vor der Nähe fürchtet. Er träumt davon, sein Lot in ein unendlich tiefes Meer zu werfen, dahin, "wo die Lotleine nicht länger ein technisches Instrument war, sondern sich in ein poetisches Werkzeug verwandelte."

Henning Mankell erzählt eine seltsame Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg, als man in Schweden nach sicheren Fahrtrinnen für die immer größer werdenden Kriegsschiffe suchte. Solche passierbaren Wege zwischen dem Inselgewirr der Schären soll Lars finden. Von fanatischer Arbeitsbesessenheit beseelt, lässt er sich zwischen den Inseln umherrudern und schreibt seine Berichte. Was vermessbar ist, wird ungefährlich, was sich in Zahlen ausdrücken lässt, beherrschbar. Tiefen und Untiefen ausloten, das ist von schon beinahe aufdringlicher Symbolik. Mankell gelingt es jedoch nicht, seiner Figur wirkliche Tiefe zu verleihen, die Studie über das Böse bleibt unbefriedigend.

Andeutungen über den tyrannischen Vater von Lars bleiben zu vage und zu platt, als dass sie irgendeine plausible Erklärung für die plötzlichen, brutalen Wutausbrüche liefern könnten. Lars hat Lust an Lügen, er verachtet Frauen, er quält Tiere. Seiner kühlen und ahnungslosen Frau Kristina, einer Tochter aus gutem Hause, lügt er vor, dass er in geheimer militärischer Mission unterwegs sei und ihr nichts über seine Aufträge sagen dürfe. Er verschwindet für Monate, denn auf den Schären hat er eine verwahrloste, allein lebende Fischerin gefunden, die ihn mit fataler Leidenschaft erfüllt. Er liebt auch diese Frau nicht, dazu ist er überhaupt nicht fähig. Eher ist es eine Art von rasendem Besitzdenken, das ihn einen Mord begehen lässt, als ein deutsche Deserteur bei Sara Fredrika Unterschlupf gefunden hat.

Ein Mann zwischen Wildnis und Zivilisation: da das geordnete bürgerliche Leben in Stockholm, dort das Abenteuer auf der Insel. Wieder reichlich Symbolik, das Zahme und das Ungezähmte im Kampf, die eine das Opfer, die andere die Überlebende. Kristina, das spätere Opfer wird uns gleich in der Rahmenhandlung vorgestellt.

Man weiß von Beginn an, dass Kristina den Verstand verlieren und viele Jahre lang in einer Irrenanstalt eingesperrt sein wird. Die Naturbilder, die Mankell entstehen lässt, sind von beeindruckender Plastizität. Er schreibt im Nachwort, dass ihm die Idee zu diesem Roman beim Rudern zwischen den Schären gekommen sei. Das spürt man, weil die Landschaft so dicht, so erlebbar wird. Mühsam ist hingegen das pädagogische Pathos, das Mankell nicht nur hier immer wieder einmal überkommt. Wenn einer der schwedischen Militärs angesichts des drohenden Weltkrieges von uferloser Aufrüstung und dem drohenden Untergang des Menschlichen salbadert, wirkt das wie aus einem allzu beflissenen Schulbuch.

Zu welchen Taten ist ein Mensch fähig, der nach außen hin völlig angepasst erscheint? Welche Ungeheuer verbergen sich in der Seele eines Psychopathen? Mankell kann sie nicht ausloten. Lars bleibt ein Rätsel. Die Tiefe ist zeitweise ziemlich flach. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.03.2005)

Von Ingeborg Sperl
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    Henning Mankell:
    "Tiefe"
    Deutsch von Verena Reichel. € 22,10/416 Seiten. Zsolnay, Wien 2005

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