Geheimlabor für Völkerkunde

31. März 2005, 13:55
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Die Albertina zeigt William Egglestons Zyklus "Los Alamos"

Wien - 1973 soll William Eggleston in Los Alamos Halt gemacht haben. Mit Los Alamos assoziiert der ältere Mensch zu Recht jenes allgemein bekannt geheime Gelände, in dem die Amerikaner mit der Kraft atomarer Bomben herumexperimentierten.

Von Eggleston ist in einem Coffee-Table-Book glaubwürdig der Satz überliefert, demnach er selbst gern ein Geheimlabor sein Eigen genannt hätte.

Allein, die Farbfotografie, der er just in diesen Tagen verfiel, war längst zum allgemein verfügbaren Gut verkommen, und die Substanzen, die ihm auf seinen Reisen mit Dennis Hopper über den Highway liefen, waren weniger geheim als verboten. Bis heute weiß allerdings keiner so recht, welchen Labors die Bevölkerung der Vereinigten Staaten zwischen Memphis, New Orleans und dem Santa Monica Pier entflohen ist. Und also machte sich Eggleston ans Werk, jene Symbolwelten für die Ewigkeit zu bannen, welche besagte Landstriche nachhaltig prägten: Von "Beer-To-Go"-Schildern über die "Schlitz-Happy-Hour"-Einladung bis hin zur Anmut der Einwohner hielt William Eggleston in geschätzten 2200 Fotos fest, was ihm außer Root-Beer sonst noch unangenehm aufgefallen ist. Und nannte die Serie Los Alamos. 2005 ist der heftige Zyklus jetzt in der Wiener Albertina zu sehen. Und das ist auch gut so. Mehrt die Schau doch das hiesige Verständnis dafür, dass die Sorge des Kollektivs Europa um einen einzelnen Hasen durchaus vergleichbar ist mit der Sorge des Amerikaners um die 24-stündliche Verfügbarkeit von Hamburgern für alle, dass man Kathedralen in automobilen Gesellschaften an Zapfsäulen erkennt, und Armut rein gar nichts mit einem Mangel an Kühlschränken zu tun hat. Und außerdem haben die Autos bei Eggleston noch Flossen, spielen die Drive-in-Kinos noch Filme, die bloß mit einem "X" gerated wurden, und die Zuckerwatte für "25 Cent ea." ist zu gleichen Teilen rosarot wie hellblau.

Im Fernsehen läuft RCA, der Weg zur Schule führt durch eine "20-m.p.h."-Zone, die Mütter tragen Farah-Diba-Frisuren, die Töchter kurze Röcke zwischen Ringelstutzen und Rüschenblusen. Die billigeren unter ihnen tragen die Initialen ihres Lovers als Tattoo am Handrücken. William Egglestons gut 30 Jahre alten Fotos sind vor allem eines: Über jeden Verdacht erhaben, nicht authentisch zu sein, sie sind das Original zu David Lynchs Kopien. Und: Sie passen hervorragend zu Mondrian und Chagall in die Albertina. Weil drei Ikonen allemal sicherer wirken als deren eine. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.03.2005)

Von
Markus Mittringer

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Albertina
Bis 24. April
  • "Zufälliger" Einblick in den amerikanischen Alltag aus William Egglestons zwischen 1966 und 1974 entstandenem Zyklus "Los Alamos".
    foto: albertina/ © eggleston artistic trust, 2003

    "Zufälliger" Einblick in den amerikanischen Alltag aus William Egglestons zwischen 1966 und 1974 entstandenem Zyklus "Los Alamos".

  • William Eggleston, ohne Titel, aus: "Los Alamos", 1966-74
    foto: albertina/ © eggleston artistic trust, 2003

    William Eggleston, ohne Titel, aus: "Los Alamos", 1966-74

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