Wo es tropft, muss Dichtung rein

26. März 2005, 11:00
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Zum 60. Geburtstag des deutschen Übersetzers, Vortrags- und Lebenskünstlers Harry Rowohlt

Wien - "Ich - antiamerikanisch?? Ich hab geweint, als Winnetou starb!" Harry Rowohlt, der berühmte und großartige deutsche Übersetzer, der hier in einem aktuellen Interview mit der Zeit einmal mehr sein aufgrund einer Popularität als Sandler in der TV-Serie Lindenstraße spätes Lebensthema verhandelt, nämlich welche Fragen ihm denn nun noch immer nicht gestellt worden seien, wird am Samstag 60 Jahre alt.

Der verdiente Erfinder der seit 1997 in innerer Emigration ruhenden legendären wie losen Kolumne Pooh's Corner in nämlicher Publikation übersetzte einst nicht nur den Kinderbuch-Klassiker Pu der Bär vorbildlich lebensnah wie allgemein poetisch verständlich ins Deutsche.

Harry Rowohlt, ein finanziell reichlich unbedankter Sohn aus dem berühmten norddeutschen Verlagshaus Rowohlt ("Ich habe mit dem Rowohlt Verlag so viel zu tun wie Bobby Fischer mit dem S. Fischer Verlag"), brachte einst auch einen irischen Bruder im Geiste, den trotz aller Dichtung wegen Alkoholmissbrauch oft tropfenden, großartigen Flann O'Brien aus Dublin, auf die literarische Bühne des deutschen Sprachraums.

Als beispielhaft dafür gelten die Übersetzungen von Großtaten O'Briens wie The Third Policeman zu Der dritte Polizist und vor allem At Swim-Two-Birds zu In Schlucken-zwei-Spechte, oder auch das zum geflügelten Wort geronnene Kolumnenbändchen Trost und Rat.

Nicht nur als Übersetzer von mittlerweile über 300 Büchern gilt Rowohlt damit als erfolgreichster Vertreter einer ansonsten noch immer sträflich unbeachteten Berufsgruppe. Die leistet hier an der Schnittstelle von Aus- und Inland ohnehin härteste, weil meist unbedankte literarische Arbeit. Man erinnere sich etwa auch daran, dass der Erfolg von US-Autoren wie Shel Silverstein, Kurt Vonnegut oder in jüngster Zeit Frank McCourt oder David Sedaris ohne Rowohlts Begabung für entsprechende deutsche Adaptionen kaum vorstellbar gewesen wäre.

Der offensichtlich zumindest laut Eigenbekunden trinkfreudige wie -feste und bisher von seinem Hobby weit gehend unbeschadete Mann, zu dessen vordringlichsten Charaktereigenschaften eine erhöhte Bärbeißigkeit im Umgang mit der Öffentlichkeit zählt, ist auch seit Jahren die Nummer eins im Nischenfach öffentliches Vorlesen.

Angefangen von Pu der Bär über zahllose vom Absturz gefährdete Flann-O'Brien-Abende bis zum Spezialgebiet Allfälliges gilt Rowohlt dank seines Talents zur Rampensau, einer Neigung zu Whisky-Abusus vor Publikum und einer markanten Brummstimme als einer der meistgebuchten Vortragskünstler in unseren Breiten.

Anlässlich des Jubelfests ist jetzt im Zweitausendeins-Verlag eine Gesamtausgabe seiner Pooh's Corner-Kolumnen erschienen. Der liegt eine hinreichend umfängliche Extraausgabe des Raben zu seiner Person bei. Der Zürcher Verlag Kein & Aber veröffentlichte soeben auch unter dem Titel Der Kampf geht weiter! Nicht weggeschmissene Briefe eine Sichtung seiner bis dato nicht publizierten, aber oft illuminierten wie hochkomischen Korrespondenz mit diversen Verlegern und berühmten Kollegen. Und während Sie das hier lesen, befindet sich Rowohlt sehr wahrscheinlich auch gerade auf Anreise zu einer weiteren Lesung in einer Kleinstadt Ihrer Wahl. Ad multos annos! (schach/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.03.2005)

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    foto: standard/semotan
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