Flügelschlagen im Bleigewand

31. März 2005, 13:52
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Das verflixte zweite Mal: Luc Bondy inszeniert Botho Strauß' "Die eine und die andere" am Berliner Ensemble

Botho Strauß' wunderbar die Schwebe zwischen Seelenwundschürfung und Windfächelei haltende Komödie Die eine und die andere wäre in anderen, leichtsinnigeren Zeiten ein gefundenes Fressen für Luc Bondy gewesen.

Bondy ist unter den allergrößten Regisseuren einer jener "Luftgeister", von denen auch die neuen Strauß-Figuren wie von schwer fassbaren Alltagserscheinungen sprechen. Unsichtbare Kobolde, die an den Gliedern unbehauster, ausgemusterter Frauen zerren, die auf einem Gut im Oderbruch die missliebige Zeit von Hartz IV und staatlich sanktioniertem Sozialabbau mit Sehnsuchtsseufzern und essayistischen Klugheitsresten totschlagen.

Die als Zimmervermieterinnen auf die eine einzige, letzte, beseligende Umarmung lauern, die sie von der Müllhalde der jüngsten deutschen Mentalitätsgeschichte hochreißen und in jenes Verhaltensmusterfeld zurückstellen könnte, auf dem die unwandelbaren Gesetze von Tragik und Unternehmungsgeist noch verbindlich gelten.
Strauß' jüngste Komödie, im Münchner Residenztheater unlängst von Dieter Dorn mit geradezu romanischer Komödieninbrunst triumphal uraufgeführt, schluckt in ihrer schlanken Zitatgelehrtheit, in ihrem schmetterlingsgleißenden Emotionsflattern alles Mögliche an Deutungsballast.

Sie verträgt nur ganz gewiss kein Hemd aus Blei - das ihr im Berliner Ensemble ausgerechnet von Bondy, offenbar einer wunderbar süffig vom Blatt zu lesenden Besetzung wegen, wie ein schepperndes Tragödientotenhemd angelegt wird. Am Schiffbauerdamm sind Insa (Edith Clever) und Lissie (Jutta Lampe) nicht etwa jene sechzigjährigen, rabenaasschwarzen Königinnen, die einander die Beuten und noch viel handfesteren Pleiten ihrer erotischen Konkurrenzleben auch noch neiden: den Verlust des Kindererzeugers Henrik (Gerd Kunath).

Der hinterlässt ein mustergültig vaterloses Feld des gesellschaftlichen Elends, aus dem Insa als kreidestaubige Matrone auf dem Kinderhüpfball heraufsteigt - Moselwein im Glas, das sie wie eine gaumenkitzelnde Gifttrankmischung zu den die Worte zu Schampusperlen formenden Primadonnenlippen führt.

Die große Clever gibt die Oderbruch-Klytämnestra als Zimmerwirtin auf einer fantasielos horizontweiten Erdkreisbühne (Karl-Ernst Herrmann). Die ehemalige Duse Ostpreußens wechselt aber auch furchtlos ins Fach der hochtourig aufgekratzten Alten im plissierten Mädchenrock, mit Görenmanieren, die ihre Lasterhaftigkeit mit dem Pomp der allzeit Unzeitgemäßen grandios heiter bedecken wie mit staubigen Volieren.

Ungleicher Zauber

Ihr geradezu selbstvernichtender Furor wäre einer großen Gegenspielerin wert! Doch Jutta Lampe hängt ihre Lissie - die aus sozialer Not unter die Hut der Rivalin flüchtet, um ihr ein letztes Mal den Geliebten abspenstig zu machen - an den schwarz übermalten Hungerkleiderhaken einer merkwürdig tonlosen Entgeisterung. Das Königinnenduell, von Strauß von Worms irgendwo in die Brandenburgische Provinz verlegt, findet unter diesen deutlich spiellustabdämpfenden Bedingungen leider keine beglückende Fortsetzung.

Was noch schwerer wiegt: Einer bleiernen Zeit wird mit viel Inszenierungsblei, sozusagen in hilfloser Verdoppelung der Strauß'schen Ratlosigkeitsbefunde, pauschal begegnet. Und so vermag die Binnengeschichte dieses seligen Gespinstes, die (verbotene) Liebe zweier mit Sanftmut geschlagener Halbgeschwister, die hilflos aus der verbindlich kodierten Globalitätskultur herausragen, weil sie den Dingen und Menschen abweichende Bedeutungen beimessen, niemals zu interessieren - geschweige denn, dass sie von Herzen ergreift.
Insas nesthockende Tochter Elaine (Dörte Lyssewski) und ihr Halbbruder Timm (Sebastian Rudolph) müssten eigentlich Erdgeister seien - ungeschlechtliche Trolle auf Bewährungsurlaub in einer vom Nutzdenken aufgezehrten Erwerbswelt. Am BE wird ihnen hilfloses Vom-Blatt-Stellen zuteil. Als ob Bondy, einer der wirklich viel beschäftigen Theatermagier, schon wieder weiterdächte - an übernächste Stücke, Vorhaben und Zauberlehrstunden. Für diesmal aber war es nichts. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.03.2005)

Von
Ronald Pohl aus Berlin

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Berliner Ensemble
  • Wer - wie Lissie (Jutta Lampe) - beizeiten das Unterliegen lernt, wird gegenüber Insa (Edith Clever) bald obenauf sein: ein typisches Botho-Strauß-Denkbild aus Berlin.
    foto: be

    Wer - wie Lissie (Jutta Lampe) - beizeiten das Unterliegen lernt, wird gegenüber Insa (Edith Clever) bald obenauf sein: ein typisches Botho-Strauß-Denkbild aus Berlin.

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