"Mein Gott, Grasser ist ein junger Bua"

2. Dezember 2005, 17:04
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Wie geht man mit einem Minister um, dessen Liebesleben alle Klatschspalten füllt? - In der ÖVP wird getuschelt und getratscht

Wie geht man mit einem Minister um, dessen Liebesleben alle Klatschspalten füllt? In der ÖVP wird getuschelt und getratscht und vor allem eines sehr genau beobachtet: Wie lange hält Kanzler Wolfgang Schüssel noch zu seiner "Erfindung" Karl-Heinz Grasser?

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Wien – Während das Privatleben von Finanzminister Karl- Heinz Grasser bereits die sonst so gern von der Regierung zitierten ausländischen Medien beschäftigt, setzt man innerhalb der ÖVP auf die bewährte Taktik des Schweigens. Selbst jene paar Wortmeldungen aus bürgerlichen Kreisen zum aktuellen Flughafen-Flirt Grassers mit Kristall-Erbin Fiona Swarovski fallen zurückhaltend aus: "Mein Gott, das ist ein junger Bua", beschwichtigt etwa Maria Graff, Ehefrau des früheren ÖVP-Generalsekretärs Michael Graff, im Gespräch mit dem STANDARD.

Im Gegensatz zu Ex-Bundespräsident Thomas Klestil habe ihr (und den Wählern) Grasser ja nie "etwas vorgaukeln" wollen. Daher sei Aufregung unangebracht: "Ich kriege das ein bisschen mit, beschäftige mich aber nicht eine Sekunde gedanklich damit", gibt sich Graff, einst eine der schärften Klestil-Kritikerinnen, plötzlich milde.

Auch Edith Klestil selbst will die Kussfotos nicht so streng bewerten: "Es gibt so viele Situationen, die nach außen ganz anders ausschauen, als sie nach innen sind." Denn "ob einer sich am Flugplatz etwas heftig verabschiedet oder ,Bussi-Bussi‘ macht, das ist ja momentan gang und gäbe". Überhaupt plädiert Klestil aus eigener Erfahrung für Zurückhaltung im Umgang mit dem Privatleben von Politikern.

Die demonstrative Ruhe nach außen täuscht: Innerhalb der Schüssel-Partei sind Grassers Eskapaden seit Veröffentlichung jener "ein bisserl intimeren" (ein ÖVP-Funktionär) Fotos Tratschthema Nummer eins. Öffentlich äußern will sich dazu niemand, Kommentare werden wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand abgegeben. Sie rangieren von Amüsement über offensichtliche Genervtheit bis zur Zweckhoffnung, dass die Bevölkerung Grassers Verhalten toleriert, weil er "reich, schön, mächtig und jung" ist, wie ein hochrangiger Funktionär sich ausdrückt.

Für Verwunderung sorgt, dass sich Grasser offenkundig der Wirkung dieser Bilder nicht bewusst war und sogar noch darüber scherzte. "Er hat das unterschätzt", meint ein schwarzer Stratege.

Kanzler Wolfgang Schüssel bemüht sich jedenfalls um demonstrative Solidarität: Beim gemeinsamen Pressauftritt mit Grasser vor dem EU- Frühjahrsgipfel am Montag ulkte er mit ihm über die Krawattenfarben und verzog keine Miene. Danach soll Schüssel, der sein Privatleben konsequent von der Öffentlichkeit fern hält, Grasser allerdings in aller Freundschaft geraten haben, es sei an der Zeit, wieder mit sachpolitischen Dingen Themenführerschaft zu beweisen. (Karin Moser und Barbara Tóth/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.3.2005)

Von Karin Moser und Barbara Tóth
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    Welche ist schöner? Kanzler Schüssel und Finanzminister Grasser vergleichen ihre Krawatten.

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