"Ich bin ein Mensch zwischen zwei Kulturen"

3. Mai 2005, 18:00
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Tschetschenen in Österreich: Wer Asyl bekommt, ist noch lange nicht integriert

Wien – Nur sechs Monate lagen bei Agata B. zwischen dem Elend des Tschetschenienkrieges und der Kühle der österreichischen Wohlstandsgesellschaft. Zu kurz, um wirklich hier anzukommen: "Nach dem positiven Asylbescheid haben wir erst gar nichts getan. Wir wussten nicht, was wir tun sollten", schildert die 24-Jährige, die im März 2003 mit Mann und Tochter aus Grosny flüchten musste.

Wie eine Lähmung habe die Erkenntnis auf sie und ihren Mann gewirkt, als anerkannte Flüchtlinge nunmehr eigenständig – Österreichern weithin gleichgestellt – für Job, Wohnung, Schulbesuch sorgen zu müssen. Doch niemand in der Mürzzuschlager Flüchtlingspension habe einen Rat gewusst – für die Betreuerin der Integrationsstelle Into der Evangelischen Diakonie, Alexandra Gröller, eine typische Situation.

Zu Asylwerbern, so Gröller, falle vielen viel ein, zu anerkannten Flüchtlingen wenig bis nichts. Dabei sei die Flucht – das, was sie für den betroffenen Menschen ändert – mit der Anerkennung laut Genfer Flüchtlingskonvention keineswegs zu Ende. Vor allem, wenn der positive Asylbescheid schon nach wenigen Monaten kommt, wie derzeit vor allem bei Tschetschenen; 2004 erhielten 93,4 Prozent der Flüchtlinge aus der Russischen Föderation Asyl.

Insgesamt – so der Leiter der Evangelischen Flüchtlingshilfe, Christoph Riedl – lebten allein in Wien rund 800 anerkannte Flüchtlinge verschiedener Nationalitäten in Übergangsquartieren, die der Integrationsfonds zur Verfügung stellt. Vielfach perspektivlos: "Ein unterschätztes asylpolitisches Problem", da das Zeitfenster für eine gelungene Integration nur etwa für ein Jahr offen steht. Bleibe ein Flüchtling länger auf fremde Hilfe angewiesen, verliere er die Fähigkeit, wieder auf eigene Füße zu kommen.

Durch einen Job vor allem wie Frau B., die in Grosny Wirtschaft studiert hat und jetzt als Volontärin in der Flüchtlingsberatungsstelle Ute Bocks arbeitet. Oder wie Ile S. (33), der im Schlachthof St. Marx als Fleischschneider angestellt ist. "Arbeit ist wie ein Medikament", sagt der Tschetschene, der daheim zehn Jahre lang Soldat war.

Radikaler Bruch

Ile S. steht täglich früh um vier Uhr auf, um die erste U-Bahn nach Wien-Erdberg zu erwischen. Er will "heiraten, alles vergessen" – und die österreichische Staatsbürgerschaft annehmen. Nach Tschetschenien möchte er "niemals zurück": Eine Sehnsucht nach dem radikalen Bruch, den Malika M. (42), die mit ihren zwei Kindern aus Grosny flüchtete, nachdem ihr Mann erschossen worden war, nicht nachvollziehen kann. "Ich werde arbeiten, ich werde vergessen. Aber ich bin jetzt ein Mensch zwischen zwei Kulturen, einer, der in Tschetschenien und in Europa gleichzeitig zu Hause ist." (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.3.2005)

Von Irene Brickner
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