Pan – der Terror aus den Anden

28. März 2005, 21:24
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Es wird demnächst geschehen. Wann genau wissen die Leute in B.s Büro aber nicht. Und auch nicht, ob ...

Es wird demnächst geschehen. Wann genau wissen die Leute in B.s Büro aber nicht. Und auch nicht, ob sich ihr Chef tatsächlich in einem Spielzeuggeschäft eine dieser Super-Wasserspritzen kaufen wird und sich dann wirklich – wie angekündigt – mit dem Ruf „Geronimo!“ aufs Fensterbrett stellen wird, wenn er loslegen wird.

Aber dass irgendwann irgendwer durchdrehen wird, sagt B., das sei klar. Denn es hat nur ein paar Tage gedauert, bis die Indios da waren. Oder, korrigiert sich B., bis sie die Indios wieder gehört haben. Weil jetzt die Fenster ja wieder offen sind. Die Sonne bringt den Indio, laute bei ihr im Job ein geflügeltes Wort. Das sei wie ein Naturgesetz. Und heuer, sagt B., hätten sie sogar kleine Verstärker dabei. Die Indios. Damit man die Panflöte auch hört, wenn man weit weg ist. B. ist nicht weit weg. Leider, sagt sie.

Dauerpan

Das Problem mit den Indios, sagt B., sei nämlich, dass man sie nicht los wird: Sobald man sie einmal gehört hat, bleibt der Sound im Ohr. Stundenlang. Nicht imaginär, sondern real. Denn die Indios spielen nicht unter drei Stunden an einem Ort – aber ihr Repertoire reicht gerade für zehn Minuten. Zumindest, sagt B., klinge das so. Mittlerweile sähe das sogar jene Kollegin so, die früher – als sie gerade ins Büro gekommen war - behauptet habe, Panflöten kämen nicht direkt aus der Hölle.

Der Terror des Pan, sagt B., habe ihren Chef nun zu erschreckender Kreativität auflaufen lassen: Er habe Literatur über Custer und Cortez, Wounded Knee und Alamo auf seinem Tisch liegen. Neulich sei ihm sogar der Satz vom guten, toten Indianer halb über die Lippen gekommen. Nun klappere er Spielzeugläden auf der Suche nach dem größten und besten Super-Soaker ab. Irgendwann, sagt B., werde es soweit sein: Ihr Chef werde in die Schlacht ziehen – und sie und ihre Kolleginnen würden ihm zujubeln.

Anden-Papageno

Obwohl, räumt B. ein, sie nicht sicher sei, ob Unterwerfung nicht sinnvoller sei. Denn trotz jahrelanger Pan-Indio-Beobachtung habe noch niemand in B.s Agentur herausbekommen, ob es eine oder doch mehrere Combos sind, die da auf Anden-Endlos-Papageno machen. Mittlerweile, sagt B., verbreite sich ja auch die These, dass es auf der ganzen Welt nur eine einzige, große Indioband gäbe: Rekrutiert aus den Geistern all jener, die von spanischen und portugiesischen Conquistadores niedergemetzelt worden sind. Die kämen nun als Rache für die Kolonialisierung über Europa.

Das, sagt B., hieße dann wohl, dass es keine Rettung gibt. Nicht für die Menschen in den Büros – und schon gar nicht für die Verkäufer in den Shops unmittelbar neben und hinter den Indios. Alles was diesen Menschen bliebe, seufzt B., sei die Hoffnung auf Regen. Und zwar den ganzen Frühling und Sommer durch.

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