Herzblutiger Höhenflug

24. März 2005, 19:32
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Ein sensationeller Staatsopern-Abschied von Renato Zanella mit "Diaghilew" traf auf Buhrufe des Publikums

Renato Zanella verabschiedet sich mit "Diaghilew" von der Wiener Staatsoper und wird für seine sensationelle, konzeptuelle Choreografie zu einem Video von Hermann Nitsch vom Premierenpublikum ausgebuht.


Wien - Der Premierenabend des Balletts der Wiener Staatsoper beginnt nett mit Léonide Massines burleskem Nonsens Der Dreispitz aus dem Jahr 1919 in einem Picasso-Bühnenbild. Simona Noja als wenig temperamentvolle, aber schöne Müllerin und Lukas Gaudernak als putziger Corregiator. Vorhang zu, Applaus. Es kommt noch hübscher: Michail Fokins Le Spectre de la rose (1911) in einer biedermeierlichen Bühne von Léon Bakst, ein butterweicher Vladimir Malakhov als Rosengeist und eine wie immer mädchenhafte Eva Petters in der Rolle des Mädchens. Vorhang, freundlicher Applaus.

Man gerät ins Sinnen. Warum Müllerspiel und Rosentraum, wo doch die wirklichen Knaller der Ballets Russes (1909-1929) seinerzeit doch L'Après-midi d'un faune, Le Sacre du printemps und Parade waren? Warum in der zweiten Hälfte des Abends das Fuchsspiel Renard in einer Neuchoreografie von Renato Zanella? Das Bühnenbild zu Renard allerdings stammt von Hermann Nitsch, dem in Kreisen der Wiener Bourgeoisie wohl bekanntesten österreichischen Künstler.

Die Spannung steigt. Renard ist eine gar nicht putzige Geschichte. Ein Fuchs strebt danach, einen Hahn zu verschmausen, doch dieser bringt den Fleischfresser schließlich gemeinsam mit einem Bock und einer Katze zur Strecke. Eine hintergründige Petitesse, die schon 1922 von Igor Strawinsky, dem wir Musik und Libretto verdanken, zum Verriss zeitgenössischer Gesellschaftlichkeit gedacht war. Und Zanella nutzt das Ballett tatsächlich für einen Höhenflug. Choreografiert sind nicht nur die Tänzer, sondern ebenso Nitschs Videobilder und - durch das Bewegen des blutroten Front- wie des schwarzen Hintergrundvorhangs - auch die Theaterbühne selbst.

Aus einem vierstündigen Film über sein Lebenswerk hat Nitsch eine schöne, an den Experimentalfilmer Kurt Kren erinnernde Montage geschnitten, die fabelhaft mit dem Tanz der vier Tiere korrespondiert. Der schwarze Hintergrund gibt den Film in einem schmalen, vertikalen Schlitz zu erkennen, dessen Breite rhythmisch variiert. Und immer wieder unterbricht der Bühnenvorhang die Sicht auf das Geschehen. Die Sensation ist perfekt! Zum ersten Mal sind auf einer österreichischen Ballettbühne Ideenansätze aus der konzeptuellen Choreografie der 1990er-Jahre zu sehen. Just in derselben Saison, in der Jérôme Bel, ein Meister des zeitgenössischen Tanz-Konzeptualismus, erstmals für eine Ballerina an der Pariser Oper choreografiert hat. Dieser Riesenschritt in Zanellas bisherigem Künstlerleben wird vom Premierenpublikum mit leidenschaftlichen Buhrufen belohnt.

In Petruschka hat Zanella mehr Herzblut geschüttet und einige Lokalkritik gepflanzt. Der Theaterdirektor, mit Christian Musil glänzend besetzt, erscheint als grindiger Groscherlzähler, und die Tänzer wedeln empört mit Bescheiden. Das Stück in einer Bühneninstallation von Christian Ludwig Attersee bleibt trotzdem wohldurchdacht und unterstreicht Renard mit seiner Thematisierung des Theaters im Theater.

In seinem letzten Atemzug an der Staatsoper ist es Zanella gelungen, das Ballett in die Gegenwart zu führen und sich dazu als geprügelter Petruschka zu inszenieren. Nicht schlecht für einen Neubeginn.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.3.2005)

Von Helmut Ploebst
  • Fleischfressers Leid: Karina Sarkissova als Füchslein in Renato Zanellas mutiger Abschiedsinszenierung an der Staatsoper. Schemenhaft im Hintergrund: das Video von Hermann Nitsch.
    foto: staatsoper

    Fleischfressers Leid: Karina Sarkissova als Füchslein in Renato Zanellas mutiger Abschiedsinszenierung an der Staatsoper. Schemenhaft im Hintergrund: das Video von Hermann Nitsch.

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