"Reine Chefsache": Arbeitswelt im Umbruch

28. März 2005, 20:28
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Mit "Reine Chefsache" gewinnt US-Filmemacher Paul Weitz der Angestelltenkomödie neue Seiten ab

Wien - Die Arbeitswelten hinter den Fassaden von Bürogebäuden bleiben der Darstellung in Form filmischer Fiktionen weit gehend entzogen. Zu vordergründig unspektakulär erscheint die Tätigkeit der Bildschirmarbeiter, zu kompliziert die Hintergründe globaler Konzernpolitik.

Ohne einen dramatischen Mehrwert - vom Krisenszenario bis zur amourösen Verwicklung - ist dieser Schauplatz fürs Unterhaltungskino wenig attraktiv. Die Bedingungen, unter denen Arbeit hier möglicherweise stattfindet, stehen dementsprechend selten im Mittelpunkt des Leinwandgeschehens.

Während europäische Filme zu dieser Thematik dann und wann treffende sozialrealistische Studien entwickeln (etwa Laurent Cantets L'emploi du temps), nimmt sich die aktuelle US-Produktion Reine Chefsache / In Good Company ihrer nun mit den Mitteln der Komödie an:

Dan Foreman (Dennis Quaid) ist der Anzeigenchef eines überregionalen Sportmagazins. Eines schönen Tages wird er jedoch mit dem Umstand konfrontiert, dass ein Großkonzern namens Globecom seinen Verlag übernommen hat und ihm mit dem dynamischen Carter Duryea (Topher Grace) nun ein 26-jähriges Marketingwunderkind vor die Nase setzt.

Zwischen den Männern, den Generationen und den Arbeitsmodellen beginnt ein Kräftemessen. Dans bisheriger beruflicher Erfolg basiert auf jahrelanger Erfahrung und sozialer Kompetenz. Sein jugendlicher Kontrahent dagegen punktet mit Einsatzbereitschaft rund um die Uhr und zeitgemäßem Managersprech (die Konzernleitung wiederum agiert nach neoliberalen Prinzipien).

Der - stilistisch relativ konventionell gebaute - Film generiert aus dieser sehr speziellen Liebe-Hass-Beziehung jede Menge komischer Szenen, verbale Schlagabtausche, Slapstick-Einlagen. Trotzdem flicht er in diese Mainstream-kompatible Grundanlage auch eine ganze Reihe von interessanten Variationen ein und trägt damit einer äußeren Realität Rechnung, die im Hollywood-Kino längst noch nicht heimisch geworden ist:

Zu früh, zu spät

Die Verschiebung von Erfahrungen, die traditionellerweise bestimmten Altersgruppen und Lebensabschnitten zugeschrieben waren, spielt sich hier nicht nur auf beruflicher Ebene ab, wo der Fünfzigjährige mit dem vermeintlich sicheren Job plötzlich in existenzielle Bedrängnis gerät ("I got de-moted.").

Dans Frau (Marg Helgenberger) wird überraschend noch einmal schwanger, während die älteste Tochter (Scarlett Johansson) bereits ihr Studium beginnt. Letztere wiederum trifft Entscheidungen, die der tendenziell Happyend-orientierten Hollywood-Dramaturgie ebenfalls entgegenlaufen.

Noch in anderer Hinsicht markiert Reine Chefsache eine interessante Entwicklung: Der 38-jährige Regisseur und Autor Paul Weitz inszenierte 1999 gemeinsam mit seinem Bruder Chris die höchst erfolgreiche Teenie-Komödie American Pie und produzierte deren Sequels, wandte sich jedoch parallel dazu mit der Adaption von Nick Hornbys About A Boy bereits "erwachseneren" Themen zu.

Mit seiner jüngsten Regiearbeit positioniert er sich nun als Vertreter einer Strategie, wie sie seit geraumer Zeit etwa auch die Farrelly-Brüder praktizieren: Gewissermaßen durch die Hintertür der Komödie gerät mit ihren Filmen, die sich weder um vordergründigen Realismus bemühen noch einen dezidierten politischen Anspruch behaupten, immer wieder ein Stück US-Gegenwart ins Kino, in das widerständige Momente eingeschrieben sind.

Gegen Ende des Films hält Dan ein flammendes Plädoyer für soziale Marktwirtschaft und die Verantwortung demokratischer Gesellschaften für ihre Arbeitnehmer. Schön, dass man das in einer Mainstreamkomödie noch erleben darf.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.3.2005)

Von
Isabella Reicher

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  • Vater (Dennis Quaid) und Tochter (Scarlett Johannson) machen neue Erfahrungen fürs Leben: "Reine Chefsache".
    foto: tobis

    Vater (Dennis Quaid) und Tochter (Scarlett Johannson) machen neue Erfahrungen fürs Leben: "Reine Chefsache".

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