Klimaforscher sagen Apokalypse ab

9. Mai 2005, 12:22
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Das prophezeite Horrorszenario: Klimaerwärmung, Gletscherschmelze, Meeresspiegelanstieg - völlig irreal, denn die antarktische Eisdecke wird immer dicker

London - Das Naturschauspiel wurde zum Sinnbild für die Klimaveränderung: abbrechende Eisberge in der Antarktis. Neue Studien relativieren jedoch diesen Eindruck. Laut diesen bleibt die Erderwärmung in der Antarktis bisher ohne große Wirkung.

Schon vor etwa 9500 Jahren schmolz das gesamte George-VI-Eisschelf, berichten britische Forscher um Dominic Hodgson und Mike Bentley über entsprechende Studienergebnisse in Geology - gigantische Eisberge brachen ab. Damit konnte erstmals gezeigt werden, dass ein heute bestehendes Eisschelf in der Geschichte verschwunden war. Das Schelf war 1500 Jahre lang nicht von Eis bedeckt, sondern vom Meer überflutet.

Als Grund für die Schmelze gilt eine weltweite Erwärmung, die für jene Zeit belegt ist. Die Studie ist sowohl für Klimaschützer als auch für jene, die die Angst vor einer Erderwärmung für Hysterie halten, ein gefundenes Fressen. Einerseits zeigt sich, dass das Abbrechen großer Eisberge ein natürlicher Prozess sein kann. Andererseits wird deutlich, dass eine Erwärmung womöglich zu großen Eisverlusten führt - was auch heute örtlich beobachtet wird: Die derzeitige Erosion des Schelfeises der westantarktischen Halbinsel sollen wärmere Meeresströme ausgelöst haben, berichteten Forscher um Andrew Shepherd von der Universität Cambridge in den Geophysical Research Letters.

Auch die Lufttemperaturen in der Westantarktis sind in den vergangenen 50 Jahren örtlich um zwei Grad angestiegen. Mehrere Gletscher in der Region werden seit Jahren kleiner. Aus der Westantarktis stammen auch die meisten spektakulären Bilder abbrechender Eisberge. Sie könnten durchaus eine Warnung sein: Sollte nämlich der westantarktische Schild abschmelzen, stiege der Meeresspiegel schnell um bis zu fünf Meter.

Die westantarktische Halbinsel umfasst nur ein Zehntel des südpolaren Eises. Aus dem großen Rest des Kontinents gibt es selten spektakuläre Eisbruch-Bilder. Insgesamt scheinen die Eismassen des Kontinents, in denen 70 Prozent des irdischen Süßwassers gebunden sind, nämlich größer zu werden, berichtet Duncan Wingham vom University College in London. Der Antarktisforscher präsentierte neue Satellitendaten, die zeigen, dass die Eisdecke der Antarktis überwiegend dicker wird: "Ein Abschmelzen der Eisdecke zu konstatieren halte ich für sehr gewagt", erklärte er dem STANDARD.

Exakte Messungen

Wingham stellte Radarmessungen der europäischen Satelliten ERS-2 und Envisat vor, deren Instrumente Erhebungen auf der Erde auf bis zu zwei Zentimeter genau festhalten: Sie schicken elektromagnetische Wellenpulse zur Erdoberfläche und messen die Zeit, die das reflektierte Signal bis zur Rückkehr benötigt. So lassen sich Höhenveränderungen der Eisdecke aufspüren. Bald sollen noch genauere Messungen möglich sein: Voraussichtlich im Juni wird der europäische Satellit CryoSat ins All geschickt. Auf einer polaren Umlaufbahn soll er mindestens drei Jahre lang millimetergenaue Messungen der Eisdicken an beiden Polen vornehmen.

Ob dies klären kann, wie sich das bis zu 4770 Meter dicke Eis der Antarktis entwickeln wird, bleibt fraglich. Obwohl seit knapp 30 Jahren Klimaforschung auf dem siebten Kontinent betrieben wird, widersprechen sich die Befunde. So steht dem Temperaturanstieg auf der westlichen Halbinsel eine Abkühlung im Süden gegenüber. Doch selbst im Westen wächst der Eispanzer. Erwärmung führe bei Frost vermehrt zu Schneefall, lautet die Standarderklärung dafür. Also scheint es möglich, dass der Temperaturanstieg den antarktischen Eispanzer insgesamt wachsen lässt. Das Weltuntergangsszenario vom Abtauen der Antarktis - und dem damit einhergehendem Meeresspiegelanstieg um 60 Meter - ist jedenfalls unrealistisch. (DER STANDARD, Print, 25.3.2005)

Axel Bojanowski
  • Schmelze und Eisbruch in der Antarktis, Sinnbild für Klimaerwärmung. Allein - die Eisdecke wird immer dicker.
    foto: epa

    Schmelze und Eisbruch in der Antarktis, Sinnbild für Klimaerwärmung. Allein - die Eisdecke wird immer dicker.

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