Nette Märchenonkel mit Denkfehlern

24. März 2005, 17:32
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Tocotronic gastierten live in Wien in der ausverkauften Arena - Lebenshilfe-Pop für skeptische Studienbeginner

Wien – "Das ist ein Märchen", sagt Dirk Von Lowtzow vor dem ersten Stück, und es klingt wie eine Drohung. Immerhin befinden sich auf dem aktuellen Album der Hamburger Band Tocotronic Songs, deren Bildsprache tatsächlich an Märchen angelehnt ist und die in ihrer Vermengung mit persönlichen Innenansichten zu Textsorten führen, die nicht unbedingt zum Besten gehören, das die mittlerweile zum Quartett angewachsene Band bisher veröffentlicht hat. Im Gegenteil.

Aber Charmeure können einem den größten Mist erzählen, man wird ihnen trotzdem zuhören, sie trotzdem sympathisch finden. Tocotronic, die hier am Mittwoch, dem ersten von zwei Abenden in der ausverkauften Wiener Arena, Ernst machen und zur Eröffnung in, na ja, düstere "Rotkäppchen im finsteren Wald"- Riffs versinken, kann man den Charme nicht absprechen. Dieser speist sich aus einer entwaffnenden Offenherzigkeit, Naivität und dem Fehlen der Angst vor Peinlichkeit. Das schafft Authentizität. Entstanden ist so eine Art Lebenshilfe-Pop für skeptische Studienbeginner. Menschen, in denen noch Konfusion bezüglich des eigenen Platzes in diesem verunsichernden Zustand namens Leben herrscht, wurden für das Formulieren dieser Zustände ein treues Publikum.

Zumal Tocotronic auch der negativen Energie den ihr zustehenden Platz eingeräumt hatten. Wut, die sich im Ausdruck formulierte: Tocotronic sind hörbar vom Grunge beeinflusst. Live ließ sich vor allem der Sound der US-Band Sebadoh als prägend ausnehmen. Einer Folgeband von den berühmten Grunge-Wegbereitern Dinosaur Jrsic!. Sebadohs dichtes Spiel und ihre reduzierte Melodien kamen hier vom zweiten Gitarristen Rick McPhail und schufen jene konzentrierte Atmosphäre, in der Von Lowtzow die Texte von Stücken wie "Ich habe Stimmen gehört", "Der achte Ozean" oder "Aber hier leben, nein danke" mit einer vom vielen Märchenerzählen schon ein wenig angeschlagenen Stimme vortrug.

Eingetrübte Texte

Doch der Konzertverlauf sättigte bald mit der doch etwas überstrapazierten Sebadoh-Deutung. Andere Songs, die aus dieser Formel ausbrachen, verleideten einem den Konzertgenuss mit ihren etwas eingetrübt wirkenden Texten. Allen voran das Titellied des neuen Albums Pure Vernuft darf niemals siegen, das in einem Denkfehler "neue Lügen" als Gegengift zur "Vernunft" einfordert, um schließlich irgendwie in hohen Lüften zu enden: "Wir sind so leicht, dass wir fliegen." Was?, Wie?, Wo?, würde da Bud Spencer fragen.

Der Stimmung im Saal tat das keinen Abbruch. Zumal die Band gegen Ende der Show auch Stücke des in der Fangemeinde immer noch verehrten Debütalbums gab. Etwa Freiburg oder Drüben auf dem Hügel, dass Lowtzow mit seinen üblichen, etwas verklemmt wirkenden hoch gezogenen Schultern auch körpersprachlich verdeutlichte. (DER STANDARD, Printausgabe vom 25.3.2005)

Von
Karl Fluch

Tocotronic live:
Sa, 26.3.,
Linz, Posthof,
Posthofstr. 43,
(0732) 78 18 00.

So, 27. 3.
Innsbruck, Treibhaus,
Angerzellgasse,
(0512) 57 20 00.
Jeweils 20.00
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