Das Ende der Featuritis

4. April 2005, 12:06
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Die Zukunft gehört nicht digitalen Gadgets, die immer mehr können, sondern dem funktionell ausgefeilten Minimalismus

Handys mit MP3-Player und Sieben-Megapixel- Kamera mit Wechselobjektiven, Entertainment-PCs, die alle Winkel des Heims mit Video und Audio bespielen: Auf der heurigen CeBIT wurden wieder einmal die digita- len Wunderwuzzis propagiert, Geräte, die alles können und quasi das letzte digitale Gadget sind, das man im Leben noch braucht.

unseres elektronischen Alltags

Das ist natürlich ein uraltes Thema der Industrie, quasi die Verschweizermesserung unseres elektronischen Alltags. Aber auch wenn es diese Kategorie von digitalem Werk- und Unterhaltungszeug gibt und geben wird: Sie wird nicht das Ende der Spezialisten bringen, so wenig, wie das Schweizermesser das Ende eines gut bestückten Werkzeugkoffers bedeutete.

Komplex

Schon jetzt zeigt der Handygebrauch, dass neue Funktionen nur mühsam (wenn überhaupt) in unser Verhaltensrepertoire aufgenommen werden. Menüs werden zwangsläufig komplexer, wenn mehr Funktionen bedient werden müssen, daran führt keine "geniale Idee" vorbei, auch wenn es unterschiedlich gut gelungene Bedienerführungen gibt.

Radikaler Minimalismus

Das offenkundige Geheimnis von Hits wie Apples iPod ist hingegen, dass sie aus der unendlichen Zahl der Möglichkeiten die essenziellen auswählen und diese perfektionieren - beim iPod-Shuffle bis zum extremen Ende geführt: Das Ding wird automatisch mit Musik beladen, die einzigen noch zu bedienenden Funktionen sind Stopp-Play-vorwärts-rückwärts-lauter-leiser. Solch radikaler Minimalismus erfordert Mut, denn über Jahrzehnte wurde der Konkurrenzkampf per "Featuritis" (das laufende Hinzufügen neuer Funktionen) ausgetragen und auch gewonnen.

Kernfunktionen

In der kommenden Welle der Digitalisierung der Unterhaltungselektronik, aber auch für die weitere Handyentwicklung steckt darin eine Lehre: Wer klar verständliche, bedienbare Geräte schafft, wird vom Markt belohnt werden. Natürlich sind diese im Kern PCs, aber sie gebärden sich nicht als solche: Sie verwenden Tasten und Regler, wie wir sie von Stereoanlagen und TV-Geräten kennen, und reduzieren die Wahlmöglichkeiten auf Kernfunktionen, statt sie immer weiter auszudehnen und damit den Systemadministrator (viele Männer stellen sich dafür gern zur Verfügung) im Haushalt zu verlangen.

Demjenigen, dem es gelingt, diesen Mut zum Minimalismus auch im digitalen Wohnzimmer aufzubringen, winkt der große Preis: quasi zum iPod im Haushalt zu werden. Wie sich das rechnet, kann man in den Apple-Bilanzen nachlesen. (Der Standard Printausgabe, 25.3.2005, Rondo, Helmut Spudich)

  • AP Photo/Marcio Jose SanchezDas offenkundige Geheimnis von Hits wie Apples iPod ist , dass sie aus der unendlichen Zahl der Möglichkeiten die essenziellen auswählen und diese perfektionieren.

    AP Photo/Marcio Jose Sanchez

    Das offenkundige Geheimnis von Hits wie Apples iPod ist , dass sie aus der unendlichen Zahl der Möglichkeiten die essenziellen auswählen und diese perfektionieren.

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