Pasos durch die Nacht

28. März 2005, 13:33
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In der Karwoche werden in ganz Andalusien tonnenschwere Gestelle mit Marien- und Jesusstatuen durch die Straßen getragen, ...

begleitet von tausenden Büßern. Zentrum des einzigartigen Spektakels ist Sevilla. Klaus ... Taschwer war dabei


Ziemlich spät in der Nacht des Karfreitags war die Niederlage gegen die himmlischen Mächte dann endgültig besiegelt. Und allmählich zogen sie ab, die tausenden von Schaulustigen, die auf dem Platz und den Straßen vor der Basilika stundenlang im Regen ausgeharrt hatten. Das Nass von oben hatte es endgültig verhindert, dass die von ihren Anhängern sehnsüchtig erwartete Macarena ihre mehrstündige Prozession durch die Straßen von Sevilla antreten konnte. Das Risiko, dass das Kunstwerk Schaden nehmen könnte, war zu groß.

Im Vorjahr war damit einer der Höhepunkte der Karwoche in Sevilla ins Wasser gefallen, denn die Virgen de la Esperanza (also die "Jungfrau der Hoffnung"), wie die Macarena noch genannt wird, ist die berühmteste Marienstatue der Stadt. Das seltene meteorologische Malheur, das auch noch einige weitere Prozessionen verhinderte und von Radio und Fernsehen stundenlang live kommentiert wurde, drückte ein wenig auf die Stimmung der hunderttausenden Schaulustigen. Aber am Karsamstag konnte dann Gott sei Dank wieder aufmarschiert werden. Die Semana Santa in Sevilla: Das ist der katholische Ausnahmezustand und eines der faszinierendsten Spektakel, das man in Europa zu Ostern erleben kann.

Und das stellt säkularisierte Mitteleuropäer vor einige Rätsel

Wie kommen hunderte von erwachsenen Männern im 21. Jahrhundert dazu, tonnenschwere Gestelle mit Jesus- und Marienfiguren stundenlang durch die Straßen zu tragen? Warum hüllen sich tausende von Sevillanern in Ku-Klux-Klan-artige Büßergewänder, um mitunter barfüßig und mit Kreuzen auf den Schultern den beeindruckenden Gestellen zu folgen?

Warum schlagen sich hunderttausende Spanier und sehr viel weniger ausländische Touristen die Nächte der Karwoche um die Ohren, um sich diese langatmigen Prozessionen anzusehen? Noch am ehesten ist zu verstehen, dass deshalb die Zimmerpreise in Sevilla für die Karwoche einfach um 100 Prozent erhöht werden: Vor allem die besseren Kategorien sind über Monate im Voraus ausgebucht. Und gegen das Osterwochenende hin kann es dann wirklich schwierig werden, noch ein Bett zu ergattern.

An der Carrera official

Aber auch um die beste Aussicht herrscht ein großer Andrang: An der Carrera official, also jenen Straßenabschnitten, wo alle Prozessionen vorbeimüssen, sind in der Semana Santa riesige Tribünen aufgebaut, deren Sitzplätze jenseits der 30 Euro kosten. Vor fast 500 Jahren fand eine erste Vorform dieser Prozessionen statt. Ihre heutige Gestalt und ihr zutiefst barockes Gepräge erhielten sie dann in der Gegenreformation. Auf das 16. und 17. Jahrhundert gehen aber nicht nur viele der rund 60 Bruderschaften zurück, die für die jeweiligen Prozessionen verantwortlich sind. Auch die Mehrzahl der Marien- und Jesusstatuen, die auf massiven Holzgestellen - den so genannten pasos - herumgetragen werden, sind in dieser Zeit geschaffen worden.

Das ganze Spektakel besteht nun darin, dass diese Bruderschaften mit ihren jeweils zwei pasos - einer mit dem leidenden Jesus oben drauf und einer mit der Jungfrau Maria - sowie begleitet von bis zu 4000 Büßern, einer Blasmusikkapelle von ihrer jeweiligen Heimatkirche zur Kathedrale von Sevilla ziehen und wieder zurück. Ein solcher Umzug kann mehr als zehn Stunden lang dauern, zumal die rund 40 Träger pro Gestell immer wieder kleine Pausen einlegen müssen: Auf ihren Schultern ruhen nicht nur liturgische Kostbarkeiten, sondern auch bis zu 60 Kilogramm pro Mann und Nase. Jeder der pro Tag knapp zehn Umzüge ist minutiös geplant; die detaillierten Routen- und Zeitpläne gibt es in allen andalusischen Tageszeitungen - mit den Hinweisen auf besondere Höhepunkte.

Die ereignen sich dort, wo die pasos und ihre Träger besonders enge oder niedrige Passagen zu bewältigen haben. Dann verstummen die Zuseher, in der Nacht wird mitunter auch das elektrische Licht in der betreffenden Gasse abgeschaltet. Wenn dann in die Stille hinein ein "Saeta" genanntes Trauergeheul ertönt, dann kann sich auch bei Agnostikern eine eigentümliche Form von Ergriffenheit oder zumindest Gänsehaut einstellen.

Befreiendes Stöhnen

Und ist dann erst einmal die Stelle glücklich passiert - im Normalfall schaffen es die Träger immer -, dann geht ein befreiendes Stöhnen durch die Menge. Vielleicht ist es auch nur mitteleuropäische Einbildung, aber bei aller inbrünstiger Marien- und Jungfernverehrung, Buße und Kontemplation sind die Straßen Sevillas in dieser Woche mit einer eigentümlichen sinnlichen Spannung aufgeladen, zu der in dieser Form wohl nur der Katholizismus mit seiner "Versündigung" der Sexualität imstande ist. Alle Bars der Stadt haben jedenfalls bis tief in die Nacht hinein offen, und von Fasten welcher Art auch immer ist jedenfalls keine Spur zu bemerken.

So ist es dann nur stimmig, dass sich nach dem freitäglichen Tod Jesu am Karsamstag - am allerletzten Showdown der Umzüge - viele verheiratete Sevillanerinnen als Witwe Christi herausputzen. Und so sieht man dutzende von Frauen, egal ob jung oder alt, die in schwarzen, eher knapp sitzenden Spitzenkostümen, schwarzen Strümpfen, neckischen Schleiern und besonders rot geschminkten Lippen durch die Stadt flanieren, begleitet und fotografiert von ihren sichtlich stolzen Männern.
(Der Standard/rondo/25/03/2005)

Info:
Turespana Wien, Walfischgasse 8/14, A-1010 Wien, Tel. 01 / 512 95 80
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    Rund 60 verschiedene Bruderschaften ziehen in bis zu zehnstündigen Prozessionen durch die Straßen.

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    grafik: der standard
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