Fisch am Fleischmarkt

11. Juli 2005, 10:26
5 Postings

Nico aus dem Café Alt-Wien brät jetzt Fisch in der Osteria da Nico - so gut wie daheim in Kroatien

Wenn nur die Treuesten der Trinker noch am Tresen standen, spätnachts im Café Alt-Wien, da geschah manchmal ein Wunder: Unvermittelt konnte der alte Ivo, legendärer Barmann des Lokals, sich hinter der Budl aufrichten und in die Runde brüllen: "Sardinen für alle!" Ein anderes Mal waren es Muscheln, vielleicht auch Tintenfische - zum Weinen gut, und zu allem Überfluss noch gratis. Wo sonst nur Teufelstoast belegt und kleines Gulasch geschöpft wurde, da duftete es plötzlich nach Knoblauch und Meer. Wenn dann noch die Klospülung ging, glaubte so mancher illuminierte Gast, das Brechen der Wellen an einer fernen Hafenmauer zu hören.

Jetzt scheint der Schmerz nach der dalmatinischen Heimat, die Sehnsucht nach dem Essen von zu Hause, jedenfalls das anderes Urgestein des Alt-Wien gepackt zu haben. Nach 22 Jahren hinter der Bar des Alt-Wien hat Nico Hrtica, gemeinsam mit seinem Bruder Inhaber des Lokals, tatsächlich ein eigenes Wirtshaus aufgemacht.

Und was für eins:

Das Lokal an der Ecke Fleisch- und Bauernmarkt gehört zum Imperium des Peter Janousek, der im selben Haus das Nachtlokal "Ninas Bar" und den berüchtigten All-you-can-eat-Schuppen "Mongolian Barbecue" betreibt. Einst hieß es "Rosa Elefant", soll vor allem für sein diskretes Hintertürchen zum benachbarten Bordell bekannt gewesen sein und ansonsten ahnungslose Touristen mit gefährlich klingenden Palatschinken-Kombos erschreckt haben.

Jetzt wurden klassische Brasserie-Bänke aus grünem Leder an die Wände geschraubt, ein hübscher, alter Holzboden verlegt, und jede Menge dunkle Rauchspiegel aufgehängt, die wohl jenseits der diskreten Türe passender aufgehoben gewesen wären. Die Tür gibt es immer noch, sie soll aber, so Nico glaubhaft, stets fest verschlossen bleiben: "Nur ich habe Schlüssel, hehe." Insgesamt ergibt das ein erfreulich unaufgeregtes, schlichtes Restaurant bar jeden Chi-Chis, die mächtige Schank im Eingangsbereich wird denn auch am frühen Abend schon von etlichen Alt-Wien-Faktoten bevölkert. Demnächst wird ein Schanigarten mit 60 Sitzplätzen an die Jerusalem-Stiege geschmiegt, was an heißen Sommerabenden extreme Lauschigkeit verspricht.

"Die Hütte"

"Osteria da Nico" heißt die Hütte, und was nach aufgesetzter Italianità klingen mag, ist schon in Ordnung so. Schließlich heißt Nicos Heimatstadt auch Ragusa, und nicht Dubrovnik, wenn man ihn selbst fragt. Klar ist er Kroate, aber eben einer, der sich als Teil des venezianischen Erbes der Küste versteht.

Dementsprechend authentisch kommt auch das Risotto alla Scamorza Affumicata (€ 7,90) daher, perfekt im Biss und so reichlich mit dem sanft rauchigen Käse gewürzt, dass jeder Bissen lange, aromatische Fäden zieht. Mehr als okay auch die Cozze e Vongole al Pomodoro (€ 9,50), bloß wären die Miesmuscheln lieber auch nur so kurz im Sud gehangen, wie die weit besser gegarten Sandklaffmuscheln. Bei den Pastagerichten hapert es trotz italienischen Kochs noch ein wenig, die Taglioli mit Krebsfleisch (€ 8,90) kommen mit zerfledderten Surimi-Sticks daher, was durchaus schmeckt, und dennoch reichlich frech erscheint.

Die Calamari eine reine Freude

Eine reine Freude hingegen die kurz und gut und knoblauchlos gegrillten Calamari (€ 13,50), von beispielhafter Konsistenz und jener zartrosa Farbe, die das von Hand geputzte Qualitätsprodukt verrät.

Überhaupt, die Fische. In den ersten Tagen reichte das Angebot zwar noch kaum über die alten Bekannten wie Gamberoni, Branzino und Orata (€ 16,90) hinaus, dafür kam die Goldbrasse nach wahrhaft perfekter Behandlung am Plattengrill so wächsern saftig im Fleisch und sauber knusprig an der Haut daher, dass einem die edleren, weil wild gefangenen Meerestiere tatsächlich nicht abgingen. Lange wird man ohnehin nicht auf sie warten müssen, verspricht Nico, der derartige Fragen durchaus als persönlichen Affront versteht: "Eh, wir haben genau seit gestern offen!"

Sein persönlicher Lieblingsfisch ist im Übrigen der Drachenkopf, "gekocht nur mit Wasser, ein bissl Zwiebel und Olivenöl, das ist das Beste!" Man glaubt es ihm und will es doch gleich überprüfen. (Severin Corti/Der Standard/rondo/25/03/2005)

Osteria da Nico
Fleischmarkt 4, 1010 Wien, Tel. 01/533 75 30,
16-01 Uhr, ab April 11-01 Uhr, Sonntag Ruhetag.
  • Artikelbild
    foto: regine hendrich
Share if you care.