Sägengesang

26. März 2005, 09:58
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Es war gestern. Und es dauerte nur eine Minute und 32 Sekunden. Handgestoppt.

Es war gestern. Und es dauerte nur eine Minute und 32 Sekunden. Handgestoppt. Denn als der Musikant den Geigenbogen an die Säge setzte, habe ich die Stoppuhr gestartet. Und obwohl sich alles schlafwandlerisch-entspannt abspielte, war die Show nach 92 Sekunden vorbei.

Es war im Museumsquartier. Ich hatte Glück: Erstens weil ich noch Sonne erwischen konnte und das - zweitens - auf einem der grünen Plastiksessel, die (welche?) die regulär bedienten MQ-Kantine-Gastgartenkunden von jenen unterscheiden, die sich ihren Drink im Plastikbecher holen müssen. Aber den Mann mit dem Klappsessel unter dem Arm hätte ich auch gesehen, wenn ich nicht mit den Füßen auf der Brüstung hier abgehangen wäre.

Wegelinien

Der mit dem Klappsessel blieb in der Mitte des Platzes stehen und sah sich um. Dann ging er genau an jenen Punkt, an dem sich die Wegelinien derer, die vom Haupteingang zur großen Treppe gehen, mit jenen, die vom Volkstheater zur Mariahilfer Straße flanieren, treffen. Er klappte seinen Hocker auf und tat, als merke er nicht, dass sich alle Augen auf ihn richteten.

Alles war langsam und gemächlich. Der mit dem Klappsessel hatte einen weinroten Sack umgehängt. Aus dem zog er eine Säge. Aus seinem Rucksack zauberte er ein Rohr – und aus dem einen Bogen. Dann setzte er sich und bog ein bisserl an der Säge herum. Wohl – man hörte nichts – um den idealen Ansatzpunkt zu finden. Ich legte meine Uhr bereit.

Wimmerndes Wabern

Dann, als sich das leise winselnde Wabern weinerlich wimmernd über den Hof zu ziehen begann, startete ich die Stoppuhr. Es war 16.32 Uhr. Und während das sich das zirpende Zäuseln zaghaft-zögerlich zwitschernd dahinzog, wartete ich: Nach 55 Sekunden tauchte der Mann im blauen Sakko auf. Er schlenderte 27 Sekunden bis er vor dem Mann mit der Säge stand. Dann wackelte er mit dem Zeigefinger. Was er sagte war nicht zu hören.

Die Säge verstummte. Mein Uhr stand auf 1´32´´. Der Sägespieler nickte bedauernd und entschuldigend einem kleinen Kind zu, das ihm verzückt zugeschaut hatte. Dann begann er, die Säge einzupacken. Der Aufpasser drehte sich um. Langsam, entspannt und gemütlich. Kaum hatte er drei Schritte gemacht, begann der Sägespieler heftig und hastig hinter seinem Rücken zu gestikulieren. Der gestreckte Mittelfinger. Ein angedeuteter Fusstrittt. Solche Sachen.

Applaus

Am Nachbartisch gab es Applaus. Ein deutscher Jungtourist rief „Ja, zeig es dem Fascho.“ Gelächter. Der Wächter tat, als hätte er nichts bemerkt. Der Deutsche sprang auf. Er wollte intervenieren. Dabei schimpfte er etwas von „Freiheit der Kunst“. Irgendjemand – vielleicht sogar ein Kellner – pfauchte: „Genau. Freiheit der Kunst. Und wenn hier zehn verschiedene Musiker, drei Pantomimen, ein Luftballonverknoter und zwei Jungs mit Gettoblaster die Freiheit der Kunst hoch halten, läufst du nach drei Minuten davon.“

Der Tourist war sauer. Wien, sagte er, sei voller Spießer. Dann ging er. Wir Spießer blieben sitzen. Die Sonne schien. Von irgendwoher war das Zwitschern eines Vogels zu hören.

Lesen Sie morgen: Panflöten - die Rache der Indios

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