Was Wien von Istanbul lernen könnte...

13. Februar 2007, 14:02
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Ein Kommentar von Alev Korun zu den "Wien darf nicht Istanbul werden"-Plakaten der FPÖ-Wien

Wäre Wien Istanbul könnten wir in einem Fischrestaurant direkt am Meer sitzen und gerade von Fischernetzen geklaubte Meeresfrüchte genießen. Nach dem Essen setzten wir mit einem kleinen Boot oder einem der Linienschiffe der Istanbuler Verkehrsbetriebe über nach Asien zu unserer Wohnung, um am nächsten Tag über die die beiden Kontinente verbindende Brücke wieder nach Europa zur Arbeit zu eilen ... Aber lassen wir diesen seit letzter Woche in der türkischen Community kursierenden Witz über die Plakate beiseite, um die Wien nun "reicher" geworden ist. Die Partei der Wien-darf-nicht-Chicago-Werden-Plakate (die älteren WählerInnen werden sich erinnern können) ist dieser Tage "fremdgegangen" und wirbt nunmehr: "Wien darf nicht Istanbul werden". Was für eine Überraschung von einer Partei, die vom Ressentiment lebt! Chicago dürfte inzwischen selbst dieser Partei als Schreckensbild zu abgegriffen sein, weshalb sie sich auf die Suche begeben hat und bei der Metropole an der Schnittstelle von Europa und Asien fündig geworden ist.

Von Istanbul lernen?

Dabei hätte Wien einiges von Istanbul zu lernen: mit über 320.000 bei der Wirtschaftskammer registrierten Unternehmen und einem Exportvolumen von fast 30 Millionen US Dollar erwirtschaftete diese Stadt 2003 45 Prozent des Handelsvolumens des Landes. Mit seiner 10-Millionen Bevölkerung ist sie nicht nur die heimliche Hauptstadt der Türkei, sondern eine lebendige, pulsierende Metropole. Aber die Hauptmessage der Plakate mit dem smarten Feschisten (Copyright Falter) dürfte ohnehin nicht die konkrete Stadt Istanbul meinen. Ihr Ziel sind vielmehr die, die durch ihre bloße Anwesenheit als Eindringlinge, Fremde und Ruhestörer gebrandmarkt werden sollen: "die Türken", weil sie Wien angeblich in geheimer Mission in Istanbul verwandeln. Dass wir das mal aus der Perspektive der Betroffenen sehen: 40 Jahre nach Eröffnung der österreichischen Arbeitskräfteanwerbestelle in Istanbul müssen sich die damals Geholten und ihre Kinder und Kindeskinder tagtäglich von Plakaten beleidigen lassen, die ihnen nicht einmal durch die Blume sagen, dass sie unerwünscht sind.

Wir bleiben hier

Wer von Fairness nichts versteht, imaginiert ständig "Belagerung" wo es um gleiche Rechte und demokratische Teilhabe an der Gesellschaft geht. Auch wenn es einem duellierenden Burschenschafter und seinen "Gesinnungsgenossen" nicht passt: Wir sind da und bleiben. Und wir wollen gleichberechtigte BürgerInnen dieser Gesellschaft sein, in der wir kulturell, sozial, politisch, künstlerisch, wirtschaftlich oder in welchem Feld auch immer tätig sind.

Wien wird nicht Istanbul werden und Istanbul nicht Wien. Keine Stadt ist aber jemals "fertig", jede Stadt ist in Entwicklung, im Wandel begriffen. Und die Aufgabe von Politikern wäre, Bemühungen voranzutreiben, dass Kommunen voneinander lernen, und nicht, Menschen zu Sündenböcken zu machen und gegeneinander aufzuhetzen.

Alev Korun, in Istanbul aufgewachsen, ist Kandidatin der Grünen für die Wiener Landtagswahl.
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    foto: standard/urban
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