"Down to the Bone": Überleben im Abseits

26. März 2005, 21:57
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In "Down to the Bone", einem Festivalerfolg der Saison 2004, schildert die US-Regisseurin Debra Granik stimmig den Existenzkampf einer jungen Amerikanerin

Wien - Der Filialleiter ist mit der Leistung seiner Angestellten nicht zufrieden. Langsamer sei sie geworden, unausgeglichen - wie sie ihm das bitte erklären wolle? Die Antwort ist deutlich, jedoch nicht zu seiner Zufriedenheit. Und im Leben von Irene hat sich somit gerade wieder etwas zum Schlechteren gewendet.

Die junge US-Filmemacherin Debra Granik erzählt in ihrem Langfilmdebüt Down to the Bone vom Existenzkampf ihrer stillen Heldin, die mit Mann und zwei kleinen Söhnen im verarmten Hinterland von New York lebt: Irene (Vera Farmiga) arbeitet als Kassiererin in einem Supermarkt. Das Geld, das sie und ihr Mann verdienen, reicht kaum für die längst fälligen Reparaturen, und schon gar nicht, um Irenes heimlichen Drogenkonsum zu finanzieren.

Irene zieht also die Notbremse und weist sich selbst in eine Entzugsklinik ein. Aber der hart erkämpfte, neu gewonnene Etappensieg über die Abhängigkeit steht auf wackeligen Beinen - zurück in der alten Umgebung, mit neuen Erfahrungen, die sich mit den früheren Gewohnheiten nicht recht in Einklang bringen lassen, bleibt Irene nur eine schrittweise Absetzbewegung, die schließlich auch an ihrer Ehe nicht spurlos vorübergeht.

Alltägliche Hürden

Das alles beschreibt der auf Video gedrehte Film sehr nüchtern und genau, mit viel Sympathie für seine Figuren und deren zähen Widerstandsgeist. Ganz ohne Dogma-Schnickschnack, ohne jegliches Schielen auf White-Trash-Schick, entwirft Granik einen Alltag und bindet diesen mittels beiläufiger Beobachtungen in einen gesellschaftlichen Kontext ein:

Man sieht Mütter, die an der Supermarktkassa mit kaum verhaltener Unruhe dem Rechenvorgang zusehen. Alte Männer, die mit abgelaufenen Rabattmarken um ein paar Lebensmittel feilschen. Häuser, an denen die Farbe blättert und Stars-and-Stripes-Fähnchen von trotzigem Beharren auf Bürgerstolz erzählen, der unter wirtschaftlichem Druck zu schwinden droht.

Die Schlüssigkeit dieser Milieubeschreibung hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Graniks Projekt über mehrere Jahre und im Austausch mit realen Vorbildern für ihre Figuren entstanden ist. Viele Rollen sind mit Laien besetzt. Die Hauptdarstellerin, selbst in New Jersey aufgewachsen, gibt ihrer Figur intensive Präsenz - und der Film gibt dieser Raum, sich zu behaupten.

Down to the Bone ist eine US-Produktion und dennoch eine Art Ausnahmeerscheinung. Er erinnert an Frauenporträts aus den 70er-Jahren - an Barbara Lodens Wanda oder an A Woman Under The Influence. Seine Relevanz erhält er jedoch gerade dadurch, dass er in der Beschreibung jener äußeren Bedingungen, die die Existenz seiner Protagonistin rahmen, ganz gegenwärtig ist. (Isabella Reicher/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 3. 2005)

OmU im Gartenbau
  • Die schrittweise Absetzbewegung aus dem alten Leben führt zu neuen Verbindungen: Irene (Vera Farmiga) und Bob (Hugh Dillon) in "Down to the Bone"
    foto: stadtkino

    Die schrittweise Absetzbewegung aus dem alten Leben führt zu neuen Verbindungen: Irene (Vera Farmiga) und Bob (Hugh Dillon) in "Down to the Bone"

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