Wichtigkeitsbelege - Eine "Who-Is-Who-Krawatte" um nur 47,55 Euro

23. März 2005, 18:11
6 Postings

Es war vor etwa zwei Jahren. Da rief jemand an und wollte meinen Lebenslauf. Außerdem würde ...

Es war vor etwa zwei Jahren. Da rief jemand an und wollte meinen Lebenslauf. Außerdem würde mich noch eine Redakteurin anrufen. Weil ich nämlich wichtig sei – und deswegen einen Eintrag ins österreichische Who-Is-Who verdient habe. Bevor ich fragen konnte ("wozu?", "was ist das Who-is-Who eigentlich?" und "wer definiert wichtig?") hatte der Anrufer schon aufgelegt. Ich schickte keinen Lebenslauf.

Etwa einen Monat später stand plötzlich eine ältere Dame im grellbungemusterten Blumenkleid an der Standard-Rezeption: Ob mein Lebenslauf – keine Ahnung, wo sie den her hatte – so stimme, fragte sie. Sie legte ein Buch auf den Tisch. Drin standen alphabetisch geordnet in Nano-Schrift und mit Mini-Durchschuss Namen von x-beliebigen Menschen. Dahinter ­ in Stichworten ­ Geburtsdaten, Name der Eltern, Jobadresse und dergleichen. Ich fragte, wen so was interessiere. Die Frau lächelte: Eigentlich alle, die wir fragen.

Passbild zum Ruhm

Bei etwa jedem Fünften Eintrag stand ein schwarzweisses Passbild. Ach ja, sagte die Dame, als ich mich wunderte, wieso eine bekannte Schauspielerin ohne, unbekannte Kommerzialräte aber mit Foto da drin seien: Wer wolle, könne sein Bild zum Artikel (sie sagte wirklich "Artikel") stellen. Gegen einen geringen Unkostenbeitrag. Dafür bekäme ich aber (auch ohne Bild) das Werk zum Vorzugspreis. Als Taschenbuch, leinengebunden oder in einer Schmuckedition. Dann nannte sie Preise, bei denen ich auch bei Büchern die mich interessiert hätten, die Ohren angelegt hätte.

Sie würde, erklärte mir die Frau im Blumenkleid die Fahnen meines "Artikels" zur Kontrolle schicken ­ und ein Bestellformular. Wegen des Fotos und dem Buch. Meine Frage, wer wie und nach welchen Kriterien entscheide, wer hier Aufnahme fände, ignorierte sie drei Mal. Beim vierten Mal sagte sie etwas wie "der Verlag, die Geschäftsführung und die Redaktion". Meine Nicht-Euphorie nahm sie persönlich – und ich war nicht überrascht, als weder Fahnen noch Bestellformulare je in meiner Post auftauchten.

Katalog

Bis gestern: Da lag dann ein Katalog im Briefkasten. Am Cover wurde mir die neueste "Who-is-Who"-Ausgabe angeboten. Mit "20% Preisvorteil" (Leinen: 332 Euro, Paperback 173 Euro). Und mit dem Angebot "ein antiquarisches Who is Who" gratis dazu zu erhalten. A. fiel vor Lachen fast vom Sofa: Abgelaufene unverkäufliche Ware als Bonus mit einer Geschenkschleife zu versehen, meinte sie, sei "großartig". Dann blätterte sie um.

Als exklusivem Mitglied des Who-Is-Who-Kreises, stand da, könnte ich auch eine Who-Is-Who-Urkunde (goldener Rahmen, spiegelfreies Glas, Tiefdruck "aus einer Banknotendruckerei", meine "persönliche Biographie wie im Who-Is-Who-Werk", mit "Prägestempel des Who-Is-Who-Verlages") ordern. Für 64,61 Euro. Oder ein Who-is-Who Krawatte. Mit Who-Is-Who-Emblem.("Setzen Sie Signale ­ die Krawatte liegt wieder voll im Trend und gehört zum guten Ton. Psychologen betrachten Sie heute ... als "das" erotischste Accessoir des Mannes"). Eine kostet 47,55, drei 128,38 Euro.

"Elitäre Gemeinschaft"

Und weil es ja auch wichtige Frauen gibt, bot man mir "zeitlos elegante Who-is-Who-Tücher" (auch mit Emblemen) an. Stückpreis: 67,15 Euro. Und – falls ich noch immer nicht genug hätte – könnte ich auch noch den gestickten Who-Is-Who-Aufnäher (7,67) ordern. Der, hieß es, "weist Sie als Mitglied einer elitären Gemeinschaft aus". A. rang nach Luft. Sie hatte Tränen in den Augen: Neulich habe sie tatsächlich jemanden gesehen, der auf dem Blazer dieses Logo aufgenäht gehabt hätte. Ein Kollege habe das Who-Is-Who-Mitglied ­etwas angetrunken ­gefragt, ob er dieses Wappen gegen ein Freischwimmerabzeichen tauschen würde. Danach hätten zwei Kellner Mühe gehabt, den gekränkten Wichtigmann daran zu hindern, den Freischwimmer zu erschlagen.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.