Der beste grüne Brei der Welt

23. März 2005, 19:41
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"Spinat ist zwar nicht die Lieblingsspeise von vielen Menschen, aber dennoch so ziemlich das Beste, was einem passieren kann", meint mein Tischnachbar

Die Geschichte des Spinats ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Nämlich zuerst einmal jenes, dass da angeblich so viel Eisen drin ist – was aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Grund dafür gewesen sein dürfte, warum man den (außerdem praktisch zu verabreichenden) Brei allen noch nicht wehrhaften Kindern aufgezwungen hat. Was Kinder mit so viel Eisen tun sollen, außer früh zu rosten, weiß ich zwar auch nicht, aber irgendwas mit der Bildung von roten Blutkörperchen oder so wird da immer geredet, von Gesundheit jedenfalls, und das ist für ein lebenslanges Verhältnis auf der Basis von Wohlgeschmack und Genuss schon einmal ein schwieriger Anbeginn.

Dann die Sache mit Popeye. Die aber nicht auf wahren Begebenheiten beruht, wie ich an dieser Stelle leider verraten muss, oder wenn Spinat übernatürliche Muskelkraft evozieren würde, dann ohnehin nur in Form von Dosen-Spinat, und den habe ich noch nie in freier Wildbahn gesehen.

Weiters kann man zum Spinat vermerken, dass an diesem Donnerstag in ungefähr hundert Prozent aller österreichischer Haushalte, Kantinen und Gaststätten mit Versorgungscharakter Spinat kredenzt wird. Und zwar in einer derart unermeßlichen Vielfalt von Rezepturen, dass man nicht anders kann als sich einzugestehen, „ja, in diesem Land weiß man seine kulinarische Fantasie wahrhaft zu betätigen als auch ohne Rücksicht auf Verluste einzusetzen“. Soll heißen, es gibt überall aufgetauten Cremespinat mit Spiegelei und Erdäpfeln.

Wobei jetzt überhaupt nichts gegen dieses gleichermaßen einfache wie wunderbare Gericht eingewendet werden soll, es stellt für mich persönlich neben dem Kochsalat mit Erbsen (dazu: Augsburger!) sowie den Erbsen ohne Kochsalat überhaupt die Rechtfertigung der heimischen Tiefkühlnahrungs-Industrie dar. Allerdings verstehe ich nicht dieses Dogma, dass der Spinat gerade am Gründonnerstag am Tisch zu stehen habe, wo doch jeder Bildungsbürger nicht erst seit letztem Sonntag (an dem Roland Girtler in der bunten Krone den Ursprung der Wortes „Gründonnerstag“ unerträglich redundant erklärte) weiß, dass das etwas mit „Greinen“ und eher nichts mit „Grün“ zu tun hat. Gehet also in Euch und esset den Spinat dann, wenn ihr Lust darauf habet; und sehet, Ihr werdet ein Leben lang Freude an dem Brei aus dem grünen Blättchen haben.

Wobei es natürlich gar nicht blöd ist, Spinat genau jetzt zu essen, weil es nämlich jetzt den so genannten Winterspinat gibt, also die im Herbst gesäten Blatterln, die ab März an die Oberfläche drängen (unterscheidet sich vom feineren Sommerspinat übrigens durch wulstigere, fleischigere Blätter). Blöd ist es allerdings schon, erstens Spinat aus nicht-biologischem Anbau zu kaufen, und zweitens diesen Spinat dann vielleicht auch noch einmal aufzuwärmen. Da wird dann nämlich das im Spinat reichlich vorhandene Nitrat zu Nitrit, und genau das ist für Kleinkinder und Babies definitiv nicht so super. Noch häufiger in die Aufwärm-Falle gerät der grüne Spinat allerdings nicht als Brei oder Blattspinat, sondern als der beliebte Spinatstrudel (nach Eiernockerl mit Salat, Krautfleckerl und Grünkernbratlingen das vierte vegetarische Gericht, von dem man in Österreichs Gastwirtschaften weiß), und da sich gerade Mikrowelle und Spinat Nitrit-mäßig ganz schlecht vertragen, sollte man von Spinatstrudeln in Zukunft lieber lassen.

Und das grüne Blatt etwa roh im Salat verzehren, sein kräftiger Biss und die Chlorophyl-Dusche machen jeden öden Häuptel-Salat zur Sensation. Oder als Spinatpudding, wie ihn die Mutter des liebsten Menschen der Welt macht; oder als Spinatkuchen mit Fontina; oder als Spinatbällchen mit Knoblauch und Pepperoni; oder als Palak Aloo Pakora, die wunderbaren, ausgebackenen Spinat-Kartoffel-Küchlein aus Indien; oder wenn’s unbedingt Ei sein muss, es statt mit dem Spiegelei einfach einmal mit einem pochierten Ei und etwas Obers probieren, auf jeden Fall den Muskat nicht vergessen. Aber wie auch immer: Spinat muss sein, da schließe ich mich den Gründonnerstags-Apologeten an.
Allerdings nicht nur am Gründonnerstag, sondern immer!
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    montage: derstandard.at
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