Ukraine ist ein wenig beackertes Riesenfeld

7. April 2005, 15:20
posten

Der aufstrebende ukrainische Markt von 50 Millionen Einwohnern eröffnet gerade auch für Österreich ein breites Feld des wirtschaftlichen Engagements - Mit Infografik

In der Ukraine stehen die Zeichen auf Zukunft. Europas größter Flächenstaat mit knapp 50 Millionen Einwohnern hat sich mit der orangen Revolution selbsttätig aus dem toten Winkel ins Zentrum der internationalen Wahrnehmung katapultiert. Nach einigen Monaten der Unsicherheit und Zurückhaltung werden nun die politisch-gesellschaftlichen Veränderungen auch von einem wirtschaftlichen Aufbruch begleitet.

So setzt die neue Regierung derzeit wichtige Akzente für Klein- und Mittelbetriebe, um das Wachstum der stark rohstofflastigen Wirtschaft auf festere Beine zu stellen. Ausgehend von einem niedrigen BIP-Niveau (nominal 2003 knapp 50 Mrd. Dollar) war die Wirtschaft schon 2003 um 9,4 Prozent gewachsen, stieg im Vorjahr europaweit führend auf zwölf und soll heuer sieben Prozent betragen.

Wie generell das westliche, so war auch das österreichische Engagement auf diesem Markt bislang verhalten. Zwar ist man immerhin der neuntgrößte ausländische Investor in der Ukraine, jedoch mit dem mickrigen Investitionsvolumen von gerade mal 250 Mio. Euro. So hält die AUA derzeit 22,5 Prozent an der Ukraine Air.

Österreichs Exporte - durch die Ereignisse der letzten Monate stark gebremst - haben bei annähernd ausgeglichener Handelsbilanz im Vorjahr immerhin 350 Mio. Euro erreicht. Was aufzuholen ist, veranschaulicht ein anderer Zahlenvergleich: Gemessen an der Einwohnerzahl haben sich mit 2002 auf jeden Ukrainer ganze 112 Dollar ausländische Direktinvestitionen angehäuft, während auf jeden Polen 1200, auf jeden Tschechen 3900 kommen.

Im Wettbewerb mit anderen Ländern geht nun auch Österreich in Startposition für den wegen seiner Größe, Nähe und des Marktpotenzials bedeutenden Zukunftsmarkt: "Die wiedererlangte Stabilität ist ein Anreiz für die Aktivität ausländischer Firmen", meint Richard Schenz, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) zum STANDARD: "Die Ukraine wird heuer gewissermaßen ein Schwerpunkt für Österreich."

Umwelttechnologie

Der für die GUS zuständige WKÖ-Regionaldirektor Guido Stock spricht vom Vorrücken auf den zweiten konzentrischen Kreis hinter den unmittelbaren Nachbarländern. Sektorielle Beschränkungen gibt es nicht, dennoch streicht Stock einige gerade für Österreich interessante Branchen hervor: neben dem Bankensektor die Holzverarbeitung, die gerade dabei ist, sich zu entwickeln. Dazu etwa die Zulieferung zur Automobilindustrie, die hier vermehrt investiert.

Verheißungsvoll ist auch der Energiesektor, im Detail gerade das österreichische Know-how in der Umwelttechnologie. Letztere stößt umso mehr auf Nachfrage, als mit der Unterzeichnung des Kioto-Protokolls die Tore für den Emissionshandel geöffnet sind. Schließlich die Bauwirtschaft: "Der dortige Boom bietet große Perspektiven", berichtet Gerhard Hubmann von Avvio Befestigungstechnik, die bereits vor sechs Monaten in der Ukraine angedockt haben.

"Es ist ein Hoffnungsmarkt", erzählt Peter Gregor von Politsch Kunststofftechnik, die kürzlich an der ersten österreichischen Gruppenausstellung in der Ukraine teilnahmen: "Ukrainisches Geld kommt aus den Offshores zurück. Die Bereitschaft, etwa in Jointventures zu investieren, ist groß."

Schattenwirtschaft

Zwar berichten ukraineerfahrene Unternehmer, dass die Korruption hier gar größer war als in Russland. Zu bekämpfen ist tatsächlich vieles: hohe Eigentümerkonzentrationen, große soziale Ungleichheit und fehlende Vorsorge, überbordende Bürokratie und die Schattenwirtschaft, deren offizielle 35 Prozent Anteil am BIP ziemlich schöngefärbt sind.

Aber die neue Führung im Land sendet eifrig Signale für die Attraktivität und Rechtssicherheit seines Wirtschaftsraumes in den Westen, wo man einen baldigen Beitritt zur WTO und eine Freihandelszone mit der EU erwartet.

Andiskutiert wurden Verbesserungen im Zollwesen, ein bislang bekanntermaßen leidiger Sektor in diesen Breiten und ein Wettbewerbsnachteil im Vergleich zu Lieferanten aus der GUS. Offensiv gibt man sich, was die Abschaffung der Visapflicht für westliche Staatsbürger betrifft. Österreicher haben beim Image in den zentral- und osteuropäischen Ländern ohnehin Startvorteile. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.03.2005)

Eduard Steiner aus Kiew
  • Infografik: Wirtschaftsleistung Ukraine
    grafik: der standard

    Infografik: Wirtschaftsleistung Ukraine

Share if you care.