Die Invasion der Einkaufszentren

15. April 2005, 15:51
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Im burgenländischen Mattersburg stehen einander, wie überall anders auch, die handelnde Innenstadt und die ebenso handelnde Peripherie gegenüber

Mattersburg - Mit Abkürzungen kennen die Mattersburger sich aus, ganz abgesehen vom (zu buchstabierenden) Fußballclub SVM, den man ja sogar aufmunternd rufen kann. Weniger aufmunternd, eher jammernd rufen sie die anderen Kürzel.

MEZ zum Beispiel, das wie ein richtiges Wort gesprochen wird. Oder FMZ (buchstabiert), und wenn nicht alles täuscht, kommt demnächst ein MFZ (buchstabiert) hinzu.

Und weil Wahlkampf war in der Wirtschaftskammer, schwang sich der ÖVP-Wirtschaftsbund zu einer geradezu kreativen Protestaktion auf: Ein Gutteil der Mattersburger Geschäfte verklebte ihre Auslagen mit Packpapier und ließ die Flaneure wissen, dass dies bloß ein Vorgeschmack dessen sei, was Mattersburg im MFZ-Fall tatsächlich drohe: eine nachhaltige Verödung der Innenstadt.

Ingrid Salomon, die SPÖ-Bürgermeisterin, glaubt das nicht. Das MFZ - das Multifunktionale Zentrum - soll vielmehr den Handelsstandort Mattersburg insgesamt stärken, weshalb Salomon sich durchaus vorstellen kann, dass auch die Innenstadt vom peripheren Einkaufszentrum profitieren könnte.

Internationale Studien sprechen eine andere Sprache.

Über solche Vorstellungen mag Holger Stefanitsch, VP-Gemeinderat, gerade einmal den Kopf schütteln. Internationale Studien sprächen eine zu deutliche andere Sprache. "Die Städte veröden, wenn sich das Geschäft an der Peripherie abspielt." Salomons Sicht ist eher vom Druck des Faktischen geprägt.

"Es geht auch darum, den Kaufkraftabfluss aus dem Bezirk zu bremsen." Mattersburg konkurriere da mit wahrhaftigen Handelszentren wie Wiener Neustadt, der Shopping City Süd oder der "Shopping City Ost", wie man das nahe Sopron ja auch nennt. In diesen Gegebenheiten habe - "ob einem das gefällt oder nicht" - Mattersburg sich zu positionieren, "wir können das Kundenverhalten ja nicht ändern".

Stefanitsch verweist dagegen aufs FMZ - das Fachmarktzentrum -, das es ohnehin schon gibt und den innerstädtischen Betrieben zusetzt, einfach durch den Umstand, dass es dort reichlich Parkplätze gibt. "Wir brauchen ein ordentliches Konzept, ein Standortmarketing."

Das freilich, sagt auch er, kann nur im Spannungsfeld mit den konkurrierenden Regionalzentren wirksam werden. Nur: Wofür steht Mattersburg? Das genau fragt sich auch die Bürgermeisterin und spielt damit den Ball elegant ans Geschäftsleben weiter, das halt, wie man so sagt, "innovativ" werden müsste.

Ratlose Politiker

Im Grunde sind beide - Ingrid Salomon, die Bürgermeisterin, und Holger Stefanitsch, der wirtschaftsgebundene Kontrahent - ein wenig ratlos. Das MEZ ist ein ganz gutes Kürzel dafür. Das Mattersburger Einkaufszentrum steht im Zentrum der Stadt. Belebung hat's allerdings keine gebracht, abgesehen vom Libro, in dem sich die Schüler des nahen Gymnasiums herumtreiben.

Aber schon gibt es den Pagro (derselbe Eigentümer wie Libro) draußen im FMZ; und das einzige Argument für einen Ausflug ins MEZ ist, dass es dort genügend Parkplätze gibt. Stefanitsch hat übrigens der Umwidmung der Gründe für das MFZ zugestimmt.

Jetzt kämpft er dagegen. Warum, das begründet er mit einem bemerkenswerten - und merkwerten- Satz: "Was, um Himmels willen, soll mich daran hindern, gescheiter zu werden?" (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.03.2005)

  • Gegen Einkaufszentrum: Packpapier in den Auslagen soll demonstrieren, wie es im Ortskern der burgenländischen Bezirksstadt Mattersburg künftig aussehen könnte.
    foto: wirtschaftsbund

    Gegen Einkaufszentrum: Packpapier in den Auslagen soll demonstrieren, wie es im Ortskern der burgenländischen Bezirksstadt Mattersburg künftig aussehen könnte.

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