Milchbauern: Mehr Geld oder Boykott

22. März 2005, 13:09
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Für die IG Milch sind die derzeitigen Milchpreise nach wie vor zu niedrig: Entweder gibt es ab September mehr Geld oder es droht ein europaweiter Lieferboykott - Mit Infografik

Wien - "Ein kompletter Schwachsinn", sagt Gerhard Schützner, Generalbevollmächtigter des niederösterreichischen Milchkonzerns NÖM im STANDARD-Gespräch zu den Lieferboykottdrohungen von 4000 heimischen Milchbauern, "sie sollen es am besten gleich machen und nicht bis September warten, denn auch im September wird es keine 35 Cent für den Liter Milch geben. Woher sollen wir denn das Geld nehmen?" Der Markt gebe es jedenfalls nicht her: "Es herrscht Überproduktion in Europa."

Dessen sind sich die streitbaren Hörndlbauern durchaus bewusst: Deswegen soll der am Montag in einer Pressekonferenz in Wien angedrohte Lieferboykott auch europaweit durchgezogen werden, kündigt Ewald Grünzweil, Obmann der IG Milch an.

Fairer Lohn

Dies, wenn der Bauernmilchpreis nicht in zwei Etappen auf 40 Cent angehoben werde: auf 35 Cent von derzeit 26 bis 28 Cent im heurigen September, auf 40 Cent bis September 2006. 40 Cent wäre "annähernd kostendeckend und ein fairer Lohn für die Milchbauern", so Grünzweil. Laut einer Studie der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft liege der Stundenlohn für einen Milchbauern bei drei bis fünf Euro.

Ziel beim angedrohten Boykott sei es, dass die Hälfte der in der EU erzeugten Milch nicht bei den Molkereien abgeliefert wird. Man habe Kontakte zu Interessensvertretungen in zehn Ländern. "Wir wollen zeigen, dass die Bauern nicht um jeden Preis Milch erzeugen", so Ernst Halbmayr von der IG Milch.

Die Milchpreise in der EU sind ein Ergebnis der nach wie vor bestehenden Überproduktion. Die sprichwörtlichen "Milchseen" vergangener Jahre wurden zwar sukzessive trocken gelegt, dennoch liegt der Selbstversorgungsgrad laut offizieller Statistik bei über 108 Prozent.

Protest trotz "Pakt"

Zuletzt wurden die Milchpreise der Molkereien in Richtung Handel um vier bis fünf Cent je Liter angehoben. Franz Grillitsch, Präsident des VP-Bauernbundes, führte Gespräche mit Molkereien und Handel und präsentierte daraufhin stolz der Öffentlichkeit einen "Pakt" zur faireren Bezahlung der Bauern.

Dieser Mehrpreis sei auch an die Erzeuger weitergegeben worden, hieß es. "Die notwendige Verteuerung wurde aber nur zum Teil weitergegeben", widerspricht Halbmayr. "Es bleibt zu wenig übrig", so auch Grünzweil.

In Österreich produzieren die 4000 IG-Milch-Mitglieder (bzw. deren Stallbewohnerinnen) laut eigenen Angaben 40 Prozent der Milch. Die Interessengemeinschaft wurde im Vorjahr gegründet, nach Protesten der Bauern gegen Handelsketten, die Milch "zu Schleuderpreisen" angeboten hatten.

Mit Interessenvertretung unzufrieden

Mit der gesetzlichen und politischen Interessenvertretung sind die Agrarier nicht zufrieden, sagen sie, deswegen müssten Aktionen gesetzt werden. Am heutigen Dienstag wird vor Molkereien protestiert - bei der NÖM in Baden, der Berglandmilch in Aschbach, der Gmundner Molkerei, der Oberstreirischen Molkerei in Knittelfeld, der Landfrisch in Wels und der Alpenmilch Salzburg.

"Sollen sie nur", so NÖM-Manager Schützner lapidar zum STANDARD. Etwas diplomatischer, aber auch nicht nachgiebiger zeigt sich der Geschäftsführer der oberösterreichischen Berglandmilch, Josef Braunshofer: "Wir gehören zu hundert Prozent Milchbauern. Unsere Abgabepreise werden im Vorstand von Milchbauern beschlossen. Wir können uns höhere Preise einfach nicht leisten. Die würden auch wiederum nur an die Substanz von Bauern gehen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.03.2005)

Leo Szemeliker
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    Ausgequetscht fühlen sich möglicherweise nicht nur die "Milchmäderln" (Fachjargon unter Hörndlbauern), sondern die Erzeugerbetriebe, da man mit den aktuellen Erlösen nicht kostendeckend arbeiten könne.

  • Infografik: Milchbauern und Milchpreise
    grafik: der standard

    Infografik: Milchbauern und Milchpreise

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