Lawinenopfer im Brunftgebirge

21. März 2005, 19:15
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Simon Frearson mit "unknown pleasures (Vegas Versin II)" im Tanzquartier - Solitäre Soli bei "imagetanz"

Wien - Dieser Abend hatte alles in sich, was sich einer an aufgedrehter Unterhaltung wünschen mag: Sex plus Crime - plus Partystimmung als Draufgabe! Im Tanzquartier Wien bot der anglo-österreichische Choreograf Simon Frearson unknown pleasures (Vegas Version II) an, deren Bühnenrelikte anschließend von der Choreografin Jennifer Lacey und der Bühnendesignerin Nadia Lauro unter dem Motto "Diskreter seitlicher Eingang - A squatting project" okkupiert wurden, woraufhin Publikum und Künstler bei guter Musik und Drinks ordentlich tanzen konnten.

Frearsons Werk handelte von Pornografie, erotischem Tanz und dem Fest als kulturelle Verortung von frühlingshaften Brunftdynamiken. Praktisch bedeutete das: Auf der Bühne zogen sich ein paar junge Frauen aus und an und wieder aus, und der Pegel männlicher Blicke lag deutlich über der Voyeursmarke.

Frisch von der Stange

Eine Profi-Striptänzerin frisch von der Stange eines bekannten Wiener Erotikclubs zeigte mit akrobatischer Würde, was ihre Klientel anspricht. Auf Projektionsschirmen flimmerten Begattungssimulationen und nach Kunst aussehende Videoausschnitte. Die Frauenband Who killed Bambi machte Krach, spielte Songs von den Stooges wie den Sex Pistols. Und eine mittelgroße Gruppe junger Tänzerinnen improvisierte im schwülstigen Licht fahriger Scheinwerfer Ableitungen erotischer Anwesenheit.

Diese Gruppe war ihrem Herrn Choreografen augenscheinlich etwas entglitten. Sie sollte auf dem Präsentierteller der Bühne echt sexy erscheinen, doch die Frauen benahmen sich mitunter etwas daneben. Aus ihren bockigen Untertreibungen und zickigen Überzeichnungen entstand eine lauwarme Als-Ob-Szenerie, die Frearsons Ambitionen als Erotikimpresario schlichtweg absorbierte.

Was auch immer den Choreografen dazu getrieben haben mag, sich so konzeptlos vor die drei Diskurslawinen Bild und Blick, Bühne und Ereignis, Sex und Gender zu stellen - sie haben ihn jedenfalls gnadenlos unter sich begraben. Damit hat das Tanzquartier einen künstlerischen Untergang gezeigt, der zumindest einigen reiferen Herrn viel Spaß gemacht hat.

Kleinformatiger, dafür aber auf spektakulär höherem Niveau ging indes das von Bettina Kogler sehr durchdacht kuratierte imagetanz-Festival im Konzerthauskeller zu Ende. Die österreichische Tänzerin Ingrid Reisetbauer zeigte in ihrem brillanten Solo Drängen einen Körper, der von seinen Emotionen und Erfahrungen durch eine gestische Erzählung gezerrt wird, sich aufwirft wie ein fliegender Teppich und verliert wie ein abgehobener Verstand. Reisetbauer, die für Christine Geigg und Milli Bitterli getanzt hat, interpretiert ihre eigene Arbeit mit einer ganz besonderen tänzerischen Qualität. Und der junge portugiesische Performer Tiago Guedes stellte mit Um Solo eine Reise durch die konzeptuelle Choreografie vor - ein Referenzspiel mit Elementen von Jérôme Bel, João Fiadeiro und Raimund Hoghe. Wirklich gelungen! (DER STANDARD, Printausgabe, 22.03.2005)

von
Helmut Ploebst
  • Auf der Bühne des Tanzquartiers zogen sich ein paar junge Frauen aus und an und wieder aus: Simon Frearsons "unknown pleasures (Vegas Version II)"
    foto: esel/ tanzquartier wien

    Auf der Bühne des Tanzquartiers zogen sich ein paar junge Frauen aus und an und wieder aus: Simon Frearsons "unknown pleasures (Vegas Version II)"

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