Risse an Buch und Seele

21. März 2005, 19:28
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Das Grazer Schauspiel punktet mit Elias Canettis "Die Blendung" und Frank Wedekinds "Musik"

Graz - An die Dramatisierung von Canettis einzigem Roman Die Blendung würden sich vielleicht nicht viele Regisseure heranwagen - oder aber zu viele. Im Falle von Friederike Heller wurde jedenfalls die richtige Regisseurin mit dieser Aufgabe, die es im Canetti-Jubiläumsjahr zu lösen galt, betraut: Heller schuf gemeinsam mit Marcel Luxinger die dramatische Fassung und inszenierte einen kurzweiligen, geistvollen Abend, der dem Roman würdig ist, ohne zu einer szenischen Germanistikvorlesung zu werden.

Eine ebensolche persiflieren zu Beginn einzeln an Tischen auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses sitzende Schauspieler: Vor sich haben sie brav die aufgeschlagenen Bücher liegen. Nur einer hat eine ganze Mauer, deren Ziegel Bücher sind, vor sich auf seinem Tisch stehen: Der Privatgelehrte und Sinologe Peter Kien (ein zwischen zerbrechlicher Transparenz und feurigen Wutausbrüchen virtuos wechselnder Franz Solar) blickt scheu hinter seinem aus Pappe und Papier gebauten Elfenbeinturm.

Doch kaum hat man mit Kapitel eins begonnen, nehmen die Figuren Canettis wie hinterfotzige Kobolde von ihren Vor-Lesern Besitz. Sie machen seltsame Dinge und büchsen wie unfolgsame Kinder immer wieder aus. Es brillieren Vivien Mahler als Haushälterin mit Luderqualitäten - und Therese Krumbholz, die von der Dienstbotin zur Gattin Kiens auf- und die Tiefen der Ehehölle hinabsteigt.
Mahler hält das skurrile Treiben im Furcht einflößenden wasserblauen Rock, mit dem sie Kien zu verschlingen droht (Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt) am Köcheln und leiht der Krumbholz mit verkniffener Mimik und resoluter Körpersprache eine herrlich derbe Seele. Aber auch Erik Göller als Siegfried Fischerle, Sebastian Reiß als Kiens Bruder George und Thomas Kornak als sadistischer Hausmeister Benedikt Pfaff spielen konsequent verrückte Figuren, die nach den ebenso strengen wie unberechenbaren Regeln ihres jeweils eigenen Wahns agieren.


Traurige Geschichte

Einen weniger grotesken, aber umso härteren Wahnsinn erlebt die junge Musikschülerin Klara Hühnerwadel in Frank Wedekinds Sittengemälde Musik. Sie wird zweimal von ihrem alternden - und natürlich verheirateten - Privatlehrer Josef Reißner geschwängert und bezahlt jedes Mal schwer und vor allem ganz allein dafür. Beim ersten Mal muss sie wegen einer Abtreibung ins Gefängnis, beim zweiten Mal - als Klara die vermeintlich große Liebe des alten Herrn schon zu durchblicken beginnt - bekommt sie das Kind, das jedoch nach wenigen Monaten verstirbt.

Eine ungerechte, traurige Geschichte, wie sie nur das Leben oder Wedekind schreiben können. Matthias Fontheim, der sich im nächsten Jahr als Intendant vom Schauspielhaus Graz verabschiedet, um nach Mainz zu wechseln, inszenierte das bittere Schicksal einer jungen Frau angemessen schonungslos, ruhig und klar. Dabei gibt es keine Fehler, keine Leerläufe, keine langweiligen Minuten, viel Platz für die Profile der Protagonisten, leider allerdings auch keine Höhepunkte - vielleicht die adäquate Übersetzung von Klaras Leben.

Julia Kreusch lässt als seelengepeinigte Klara das Publikum ehrlich mitleiden, während Friedrike Bellstedt mit der emotionalen Achterbahn reist. Glänzend wie eine Speckschwarte ist auch das Abbild, das Gerhard Balluch von Reißner schafft, wenn der angesehene Musikpädagoge hinter reumütigen Blicken und salbungsvollen Erklärungen doch immer nur an eines denkt: den nächsten Aufriss. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.03.2005)

Von Colette M. Schmidt

Schauspielhaus Graz
  • Blendarbeit im Sinne Canettis: Sebastian Reiß (Mi.) entsorgt Mundhöhlenabenteuer bei Vivien Mahler (re.).
    foto: schauspiel graz/peter manninger

    Blendarbeit im Sinne Canettis: Sebastian Reiß (Mi.) entsorgt Mundhöhlenabenteuer bei Vivien Mahler (re.).

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