Aggression als Arbeitsprinzip

25. März 2005, 22:20
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Die US-Hardcore-Band "Converge" gastierte in Wien: Ein Hang fürs Extreme ist schon vonnöten, um Zugang ins kreative Chaos zu finden

Wien - Die Arena ist nicht zum Bersten voll, aber vom einschlägigen Fan-Publikum gut besucht. Sechs Bands aus dem erweiterten Bereich Hardcore und die Folgen wurden ausgewählt, um ihre Interpretation von aggressiver, moderner Musik zu präsentieren - und fünf von ihnen deswegen fast gänzlich ignoriert. Es wird schnell klar, auf wen das Publikum wartet, auf den eigentlichen Headliner des Abends - Converge.

Bis knapp vor elf Uhr werden die Konzertbesucher hingehalten. Aber: Vom ersten Moment an hat der für das Genre einschlägig egal tätowierte Sänger Jacob Bannon das Publikum im Griff. Er schreit sich die Seele aus dem Leib, verwandelt die Bühne in eine Laufbahn und wirbelt herum, als ob es kein Morgen gäbe. Nichts für zartbesaitete Gemüter, denn ein Hang fürs Extreme ist schon vonnöten, um Zugang ins kreative Chaos von Converge zu finden. Ist die Musik doch alles andere als pflegeleicht.

Schwere Gitarren treffen auf ein donnerndes Schlagzeug und werden von Bannons Stimme endgültig dem Erdboden gleichgemacht. Keinesfalls musikalische Nebenbeikost. Ein Fulltime-Listening-Job, um es auf den Punkt zu bringen.

Das Quartett, das zeitgenössische und ungleich geschätztere Bands wie At The Drive-In oder die Blood Brothers mehr als beeinflusst hat, beweist heute, warum es auch nach mehr als zehn Jahren zur Speerspitze im Bereich progressiver Hardcore-Punk-Musik zählt. Bannon, der die Band als Selbsttherapie sieht, leidet scheinbar Höllenqualen. Das Publikum leidet mit ihm. Der schmächtig, fragile Sänger wirkt abseits der Bühne schüchtern und introvertiert. Er entwickelt sich aber live zu einem Monster, dessen Agilität Converge in ungeahnte Dimensionen treibt.

Der Beginn des Konzerts ist geprägt von neuem Material von You Fail Me, das leichter zugänglich erscheint als vergangenen Werke. Ältere Songs vom Album Jane Doe kommen in der Mitte des Sets zum Zuge und werden mit einer Intensität vorgetragen, dass einem angst und bange wird. Converge gönnen sich nur wenige Verschnaufpausen.

Nach 45 Minuten ist ohne Ankündigung Schluss. Auf Zugaben wird verzichtet. Das Leiden von Jacob Bannon hat ein Ende. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.03.2005)

Von Mathias Mayer

Converge
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