"Blaues Gold" in privaten Händen

10. Juli 2005, 19:35
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Wachsende Zweifel, dass durch Privatisierung der Wasserversorgung die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser wie geplant halbiert werden kann

"Wasser für das Leben" - unter diesem Motto läuten die Vereinten Nationen am "Weltwassertag" die "Internationale Wasserdekade" ein. Bis 2015 soll die Zahl der Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, halbiert werden. Dass jedoch die in den vergangenen Jahren forcierte Privatisierung der Wasserversorgung der beste Weg dazu sein soll, glaubt man in den Entwicklungsländern des Südens immer weniger.

Lateinamerika zum Beispiel ist mit dem größten Wasserreichtum der Erde gesegnet. Allein Brasilien verfügt über ein Fünftel der Süßwasserreserven. Doch wegen weit verbreiteter Verschwendung und Verschmutzung des Wassers steht der Bevölkerung nur ein Bruchteil davon zur Verfügung. Zudem hat sich durch die neoliberale Wirtschaftspolitik der vergangenen 20 Jahre die soziale Ungleichheit auf diesem Subkontinent verschärft: Mehr als 130 Millionen Menschen - das ist beinahe ein Viertel aller Lateinamerikaner - haben keinen Trinkwasseranschluss.

Nach wie vor propagieren westliche Regierungen und die Weltbank die Privatisierung der Wasserversorgung und der Abwasserentsorgung als den am meisten Erfolg versprechenden Ausweg aus dieser Krise. Doch in Wirklichkeit seien die großen Wasserkonzerne vor allem am noch unverseuchten Süßwasser interessiert, sagt die kanadische Bürgerrechtsaktivistin Maude Barlow, die zusammen mit ihrem Kollegen Tony Clarke den Bestseller "Blaues Gold - Das globale Geschäft mit dem Wasser" verfasst hat.

Weltbank hilft Multis

"Die Multis haben die Rückendeckung der Weltbank und die sagt den Regierungen: Wenn ihr Geld von uns wollt, damit wir die Wasserresourcen entwickeln helfen, dann müsst ihr die Privatfirmen hereinlassen", kritisiert Barlow. In hunderten Städten übernahmen Firmen wie Vivendi, Suez oder RWE die Wasserversorgung.

Doch von der Stadt Mexiko bis Buenos Aires waren die Ergebnisse ernüchternd: Der Ausbau der Wassernetze erfolgte durchwegs schleppender als versprochen. Die Tarife dagegen wurden drastisch erhöht und für viele Arme unbezahlbar. Die weit verbreitete Korruption, die oft als Argument für die Privatisierungen ins Feld geführt wurde, ging nicht zurück.

Deswegen wächst der Widerstand von unten. Die bolivianische Regierung wurde durch monatelange Proteste bereits zweimal dazu gezwungen, die Verträge mit großen Wasserfirmen zu kündigen: 2000 in Cochabamba, Anfang dieses Jahrs in El Alto und La Paz. In Uruguay stimmten im Oktober 2004 mehr als 64 Prozent der Wähler für einen Verfassungszusatz, der Wasser zum Menschenrecht erklärt. Für die Wasserbewirtschaftung sind künftig nur noch Staatsbetriebe zuständig.

Dass öffentliche Wasserbetriebe auch in Lateinamerika funktionieren können, zeigt das Beispiel Bogotá: Arme zahlen geringere Wasserpreise, durch Kampagnen wurde der Pro-Kopf-Verbrauch deutlich reduziert, und bis 2010 werden alle Einwohner der kolumbianischen Hauptstadt an das Wasser- und Abwassernetz angeschlossen sein.

Die UNO sollte den Zugang zu Wasser zum Menschenrecht erklären, heißt es im Januar auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre. "Bei den Verhandlungen mit der EU müssen die europäischen Wassermultis ausgeschlossen bleiben", fordert der brasilianische Wasseraktivist Jocélio Drummond. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 3. 2005)

Von Gerhard Dilger aus Porto Alegre
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    Anhaltende Proteste (hier im Bild in La Paz) zwangen die bolivianische Regierung zu Beginn dieses Jahres dazu, Verträge mit privaten Wasserfirmen zu kündigen.

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