Traumatisierte Moderne in der Sammlung Essl

29. März 2005, 20:56
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Ausstellung "Mexikanische Moderne" zeigt zumindest zwei Gemälde von Frida Kahlo ...

... - und manch anderes Meisterwerk aus der Sammlung des "Museo de Arte Moderno" in Mexico-Stadt.


Klosterneuburg - Man musste sich anstellen, wollte man bei der diesjährigen Arco in Madrid Die zwei Fridas (1939) aus der Nähe betrachten. Denn das weltberühmte Gemälde von Frida Kahlo war die Hauptattraktion der Messe für zeitgenössische Kunst, die heuer mit Mexiko erstmals ein lateinamerikanisches Land als Ehrengast lud. Derzeit macht das Kunstwerk in der Sammlung Essl Station, wo es im Rahmen der Ausstellung Mexikanische Moderne ebenfalls im Mittelpunkt steht.

Frida Kahlo porträtierte sich darauf gleich zweimal: einmal hellhäutig und europäisch gekleidet, einmal dunkelhäutig und in mexikanischer Tracht. Eine Lebensader verbindet die beiden Fridas, die sich, ihrer inneren Zwiespältigkeit bewusst, an den Händen halten. Allerdings ist das Herz der viktorianisch gekleideten Frida offen und deutlich verletzt, während das der "Mexikanerin" nach wie vor zu pulsieren scheint.

In der Ausstellung, für die Luis-Martín Lozano, Direktor des Museo de Arte Moderno in Mexico-Stadt, eine Auswahl der hauseigenen Sammlung getroffen hat, wird der zentrale Stellenwert, den das Bild in der Kunst- und Kulturgeschichte des Landes einnimmt, dann auch überdeutlich. Denn die Künstlerin thematisiert darin Fragen der mexikanischen Identität, die stets zwischen dem europäischen Einfluss aus dem Norden und den Traditionen des Südens changierte.

Farben der Volkskunst

Dass die kulturelle Eigenständigkeit in dem von Kolonialisierung, Befreiungskriegen und Revolutionen geprägten Land gewahrt und kultiviert werden musste, reflektieren die versammelten Artefakte, die auch in ihren modernsten Ausformungen (u. a. Der Tyrann von José Clemente Orozco oder Das gegenwärtige Bildnis von José David Alfaro Siqueiro) auf Archaisch-Mythisches und die Farben der Volkskunst rekurrieren.

Dass die Fronten zwischen den unterschiedlichen künstlerischen Positionen - Nationalismus versus Internationalismus, Identität versus Kosmopolitismus, Abstraktion versus Figuration - dennoch verhärtet verliefen, konstatiert Luis-Martín Lozano allerdings nur in seinem Katalogbeitrag. Denn in der Ausstellung, die die Kunstgeschichte des Landes chronologisch nachzeichnet, sind diese Differenzen zugunsten einer viel zu umfassenden und dadurch beliebig wirkenden Darstellung der mexikanischen Malerei der 1920er- bis 1980er-Jahre kaum nachvollziehbar und dadurch weit gehend nivelliert.

Diego Rivera, Kahlos Ehemann, ist u. a. mit seinem expressionistischen Porträt der Lupe Marin (1938) vertreten. Neben Orozco und Siqueiro gehört er zu den so genannten "Großen Drei" des Muralismus (span. für "Wandgemälde"), der sich im Mexiko der 20er-Jahre im Anschluss an die kommunistischen Debatten über die gesellschaftliche Rolle der Kunst formierte.

Zweifelsohne sind diese Werke der Künstler - überdimensionale Wandgemälde an öffentlichen Gebäuden - unverrückbar. Dass sie in der Ausstellung nur im Rahmen einer relativ mickrig und lieblos gestalteten Diashow zu sehen sind, ist bedauerlich und verstärkt den Eindruck, dass die ausgewählten Exponate - u. a. das vom Symbolismus geprägte Spätwerk von Rufino Tamayo oder die surrealen Bilder von Carlos Orozco Romero - die "mexikanische Moderne" viel weniger repräsentieren, als dass sie sie hier sehr staatstragend rekonstruieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.03.2005)

Von Christa Benzer

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Sammlung Essl: "Mexikanische Moderne"
Bis 12. 6.
  • Artikelbild
    foto: museo de arte moderno, mexico-stadt
  • Ab 1940 verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Frida Kahlo, die sich in der Folge an ihr Haus - die berühmte Caza Azul - gebunden auf Stillleben konzentrierte: "Naturaleza muerta con sandías" (1953).
    foto: museo de arte moderno, mexico-stadt

    Ab 1940 verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Frida Kahlo, die sich in der Folge an ihr Haus - die berühmte Caza Azul - gebunden auf Stillleben konzentrierte: "Naturaleza muerta con sandías" (1953).

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