Grasser: "Nicht die beste Lösung" - Schüssel zufrieden - Gemischte Gefühle in WKÖ und IV - Kogler: "Nicht das Gelbe vom Ei" - Einem: "Intelligente Lösung"
Wien - Finanzminister Karl-Heinz Grasser hat am Montag zur Einigung beim EU-Stabilitäts- und Wachstumspakt in Brüssel begrüßt, "dass wir den Konnex zur Lissabon-Strategie geschafft haben". Wichtig sei, dass die EU-Finanzminister im Vorfeld des Brüsseler EU-Gipfels
"ihrer Verantwortung gerecht wurden und einen Kompromiss erreicht haben".
Grasser bekräftigte, dass der erzielte Kompromiss für ihn "keine Wunschreform" sei und "nicht die beste Lösung" aus der Sicht eines stabilitätsorientierten Finanzministers. Dennoch wertete er den Kompromiss als "Garantie für eine fiskal- und budgetorientierte
Finanzpolitik" der Europäischen Union.
"Klare Spielregeln"
Die Faktoren Stabilität und Wachstum würden nun zusammengeführt,
resümierte Grasser bei einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt. Die
Ausgangslage der EU-Staaten werde künftig besser berücksichtigt. Der
Vertragstext bleibe gleich, die Eckpunkte des Paktes bleiben
erhalten, das heißt an der Drei-Prozent-Defizitgrenze und am
60-Prozent-Kriterium für Finanzschulden werde festgehalten. Grasser
sprach von "klaren Spielregeln" für die Zukunft, die gleichermaßen
von allen EU-Mitgliedsländern angewendet werden müssen.
Als Erfolg aus österreichischer Sicht bezeichnete Grasser, dass
nicht ganze Kategorien an Ausnahmen heraus genommen werden. Zugleich
werde bei Berücksichtigung bestimmter Ausgangskategorien eine Regel
heraus gearbeitet. Demnach seien Ausnahmen nur gegeben, wenn die
Überschreitung der Defizitgrenze "nahe am Referenzwert" erfolge, das
heißt für einen bestimmten Zeitraum zu erwarten sei.
Schüssel zufrieden
Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) hat sich zufrieden mit dem Kompromiss gezeigt. Mit dieser Lösung sei verhindert worden, dass hohe Budgetdefizite akzeptabel werden, sagte Schüssel am Montag vor Journalisten im Bundeskanzleramt in Wien. Die
Flexibilisierung des Stabilitätspaktes "soll einen europäischen
Mehrwert haben", so der Kanzler.
Schüssel befürwortete die Flexibilisierung des Stabilitäts- und
Wirtschaftspaktes auch insofern, als beschlossen worden sei, dass
Budgetüberschreitungen nur "temporären Charakter" haben dürfen. Es
bestehe ein gemeinsamer Währungsraum. "Wir sind alle mitbetroffen",
meinte Schüssel, der darauf hinwies, dass Änderungen dramatische
Auswirkungen auf nationale Haushalte haben können.
"Komponente Wachstum" dringend gebraucht
Der Bundeskanzler führte aus, das zweite wichtige Thema des
Gipfels werde die "Partnerschaft für Wachstum und Beschäftigung"
sein. Europa brauche gegenwärtig "die Komponente Wachstum". Es gelte,
hierbei ökonomische, soziale und Umweltkomponenten zu
berücksichtigen. Hierbei sicherte er den Vorschlägen des früheren
niederländischen Ministerpräsidenten Wim Kok und der europäischen
Kommission seine volle Unterstützung zu.
Schüssel forderte darüber hinaus "eine Entrümpelung der
verschiedenen Rankings". Man müsse sich im EU-Raum auf wichtige
wirtschaftspolitische Kriterien konzentrieren, sagte Schüssel, der
anmerkte, dass Österreich "in allen Bewertungen ganz vorne liegt".
Gemischte Gefühle in Wirtschaftskammer und IV
In der Wirtschaftskammer (WKÖ) sowie in der Industriellenvereinigung (IV) hat die Abschwächung des Stabilitätspakts gemischte Gefühle ausgelöst. Die Reform sei "vernünftig, weil sie den Realitäten entspricht", meint der stellvertretende WKÖ-General Reinhold
Mitterlehner. Ein Ersatz für die richtigen wirtschaftspolitischen
Maßnahmen sei sie jedoch nicht. Die IV fürchtet, dass durch die
vorgesehenen Ausnahmen "die Tür zur Überschreitung des
3-Prozent-Defizits sehr weit geöffnet wird".
Durch die flexiblere Leseart des Pakts hätten die Mitgliedstaaten
mehr Spielraum, um das zarte Konjunkturpflänzchen mit nationalen
Maßnahmen zu unterstützen und damit Europa wettbewerbsfähiger zu
machen, so Mitterlehner. "Diese Reform nützt allen EU-Staaten -
insbesondere jenen, mit denen Österreich die intensivsten
Handelsbeziehungen hat. Auf den Punkt gebracht: Kommt ein Land wie
Deutschland wirtschaftlich wieder auf die Beine, kann das auch für
Österreich nur von Nutzen sein."
"Exportoffensive, Bürokratieabbau nötig"
Die Lockerung des Budgetkorsetts ist freilich nur einer von
mehreren notwendigen Beiträgen, um Europa wirtschaftlich wieder auf
Touren zu bringen. Schlüsselfaktoren wie Forschung und Entwicklung
müssten in Zukunft stärker forciert werden, auch eine europäische
Exportoffensive und der Abbau von Bürokratie seien nötig, so
Mitterlehner. Die Unternehmen erwarteten sich von dem ab morgen, Dienstag,
abgehaltenen EU-Frühjahrsgipfel "eine klare Botschaft und handfeste
Maßnahmen zur Wiederbelebung von Wachstum und Beschäftigung".
Sowohl Positives als auch Negatives sieht Peter Koren,
stellvertretender Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV)
in der Einigung der EU-Finanzminister zum Stabilitätspakt. Positiv
sei, dass die Limits (höchstens drei Prozent Budgetdefizit, 60
Prozent Staatsverschuldung) beibehalten worden seien und dass sich
die EU-Regierungschefs nun auf die so genannten Lissabon-Ziele
konzentrieren könnten.
"Nicht sehr glücklich" sei man dagegen mit der "langen
Ausnahmeliste", die nun bei der Beurteilung einer Überschreitung der
Defizitgrenze herangezogen werden kann. Hier sei man im Rat der
Finanzminister ("Ecofin") unter dem "geballten Druck der großen
Mitgliedstaaten sicher über das Ziel hinausgeschossen". Die
Formulierung, dass Ausgaben für die Vereinigung Europas bei der
Beurteilung des Defizits berücksichtigt werden könnten, sei eine sehr
allgemeine Formulierung, die der IV "Kopfzerbrechen" bereite.
Kogler: "Nicht das Gelbe vom Ei"
"Nicht das Gelbe vom Ei" sei der Kompromiss der Finanzminister,
meint auch der Grüne Werner Kogler. Es werde mit "schwer
interpretierbaren und schwammigen Auslegungsvarianten
herumgedoktert", so der Grüne Budgetsprecher. "Sinnvoll wäre, wenn
sich die Defizitspielräume stärker am Gesamtschuldenstand der Länder
orientieren würden, da von den daraus resultierenden Zinszahlungen
die mittel- und langfristigen Probleme ausgehen können."
Einem: "Intelligente Lösung"
SPÖ-Europasprecher Caspar Einem äußerte sich zu den beschlossenen Änderungen grundsätzlich
positiv. Investitionen in das Zusammenwachsen Europas bei der
Beurteilung der nationalen Budgetdefizite zu berücksichtigen - etwa
die Kosten für die Wiedervereinigung Deutschlands - , halte er für
eine intelligente Lösung. Finanzminister Karl-Heinz Grasser (V) habe
sich als "Image-Politiker" "als Mister Stabilitätspakt hingestellt",
so Einem. Er habe seine strikte Haltung, den Pakt nicht zu ändern,
aufrechterhalten müssen, in Wirklichkeit aber nachgegeben. (APA)