Skoceks Zeitlupe: Tod in Sektion Z

11. April 2005, 22:21
12 Postings

Die Auslosung beschert der Fußballwelt ein Duell, das an einen historischen Tiefpunkt im Fußball erinnert

Sie sind wieder Erfolgsteams, stehen im Viertelfinale der Champions League einander gegenüber. Liverpool und Juventus Turin haben eine lange gemeinsame Geschichte in Europas Fußball, ihren Tiefpunkt erlebten sie am 29. Mai 1985 in Brüssel. Das Stadion hieß Heysel und Liverpool hatte vergebens bei der UEFA seine Bedenken gegen das veraltete Haus angemeldet.

Stunden vor dem Match heizen sich die Fangruppen gegenseitig auf, bis die Atmosphäre schließlich überkocht. Engländer machen auf Italiener Jagd, eine Massenpanik entsteht, unter dem Druck der Menschen birst eine Wand und die Flüchtenden türmen sich aufeinander.

38 Italiener und ein Belgier sterben. Während die Sanitäter und Feuerwehrleute die Leichen in Plastiksäcken verpacken, die Ärzte hinter dem Stadion hektisch und mit unzureichenden Mitteln um das Leben der Schwerverletzten kämpfen, spielen die Teams ihr Finale. Juventus gewinnt durch ein Elfer-Tor von Michel Platini 1:0.

In Zeiten, da der Hass aus rassischen, religiösen, nationalen und sozialen Motiven wieder auflebt und geschürt wird, ist Heysel ein Beispiel unter anderen, sich der tödlichen Absurdität zu erinnern und vorzusehen. Friedliches Miteinander ist rasch und nachhaltig zerstörbar.

Spieler von Lazio Rom wie Kapitän Paolo di Canio grüßen nach Toren mit dem Faschistengruß, an den Zeitungsstandln hängt die Biografie von Mussolini, der nach Canios Meinung unterschätzt wird, neben den Kickermagazinen.

Trägt der Wind Böses? Vielleicht nicht, aber man darf nie zu sicher sein. Im Heysel-Stadion zahlten Unschuldige für den Hass aus Kleingruppenegoismus. Eine Einstellung, die nicht zu groß werden sollte. (DER STANDARD Printausgabe 21.03.2005)

  • Eine der schwärzesten Stunden des Fußballs.

    Eine der schwärzesten Stunden des Fußballs.

Share if you care.