PISA-Erfolgsrezept: Gesamtschule, Lehrer-Bildung, Autonomie

31. Mai 2005, 11:40
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Aber auch Kritik an geplanten Einsparungen

Helsinki - Die Frage nach dem finnischen Erfolgsrezept bei der internationalen Bildungsvergleichsstudie PISA hat in dieser Woche rund 300 Delegierte aus mehr als 30 Staaten zu einer Konferenz nach Helsinki gelockt. Wie so oft haben sie dabei aber keine Patentlösung präsentiert, sondern eine Vielzahl an Faktoren aufgelistet bekommen, die alle auf die eine oder andere Weise ineinander greifen. Als Zutaten des Erfolgsrezepts wurden dabei vor allem die Gesamtschule samt dem damit einhergehenden Förderrezept und dem Gedanken der Gleichheit aller Schüler, die strenge Lehrer-Ausbildung sowie die weitgehende Schulautonomie genannt, "gewürzt" wird unter anderem mit untertiteltem Fernsehprogramm und dem Konsens aller Parteien in Bildungsfragen.

Seppo Turkka, Direktor der Jokiniemi Schule in Vantaa, einem Vorort Helsinkis mit starken sozialen Problemen, hält den finnischen Zugang der Integration aller Kinder in einer Schule für entscheidend. Statt die Kinder für schlechte Leistungen oder ihr Verhalten zu bestrafen bzw. sie in andere Schulen abzuschieben, versuche man, die Probleme vor Ort zu lösen. Eine andere Wahl hat man auch nicht: Neben der Gesamtschule gibt es keine anderen Bildungseinrichtungen.

In Turkkas Schule werden 600 Schüler von 56 Lehrern unterrichtet, dazu kommen noch 37 weitere Personen, die als Assistenten oder Sozialarbeiter bzw. Psychologen tätig sind. Auf Grund finanzieller Kürzungen seien das aber 15 weniger als im Vorjahr, beklagt er sich. Die guten PISA-Resultate kann er zwar nachvollziehen, da der Grundstein dafür vor zehn bis 15 Jahren gelegt worden sei. In zehn Jahren würde dies wohl aber anders sein, fürchtet Turkka: "Jetzt müssen wir die Gruppen vergrößern und Personal abbauen." Der Finanzengpass zeigt sich auch im Geschichte-Unterricht: Zwar sind die Unterrichtsmaterialien gratis, allerdings stehen nicht für alle Bücher zur Verfügung. Stattdessen gibt sie der Geschichte-Lehrer am Beginn der Stunde aus, die ersten zehn Minuten dienen dem Einlesen ins Thema, dann werden sie wieder abgesammelt.

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Schulautonomie: Turkka konnte sich sein Personal zum Teil aussuchen, viel Zeit wird gemeinsam für Schulentwicklung und bestimmte Maßnahmen wie das Erlernen der Zeichensprache aufgebracht. Das finnische Zentralamt gibt nur einen Rahmenlehrplan vor, der von den Gemeinden als Schulerhaltern und den Schulen selbst ergänzt wird - nicht zuletzt dieses System ist typisch für die Verantwortung, die die jeweilige Schule gegenüber ihren Schülern zeigt.

Viel Autonomie kennzeichnet auch die höheren Schulen, die nach einem Kurssystem unterrichten. An der "Etu-Töölön Lukio" mitten in Helsinki ist man etwa übereingekommen, die Kurse nicht in den vorgegebenen Einheiten von fünf Mal 45 Minuten abzuhalten, sondern in zwei Mal 80 und ein Mal 65 Minuten lange Einheiten zu gliedern. "Abgefangen" wird die Autonomie durch eine Zentralmatura sowie durch Bildungsstandards und ständige sowohl lokale, regionale als auch nationale Evaluationen. Auf Schulinspektoren wird verzichtet.

Der finnische PISA-Koordinator Jouni Välijärvi sieht in der strengen Lehrer-Ausbildung einen wesentlichen Erfolgsfaktor: Ansonsten würde man vermutlich nicht so klar vor Schweden liegen, das über das gleiche Schulsystem verfügt. Apropos Schulsystem. Dieses ist seit seiner Einführung seit rund 30 Jahren zwischen den Parteien praktisch unumstritten - ideologische Grabenkämpfe sind in Finnland unbekannt, betont auch Tiuu Bräutigam vom finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen.

Aber auch außerschulische Faktoren spielen eine Rolle beim finnischen Bildungsrezept: Die Lehrer machen für die hohe Lesekompetenz nicht zuletzt das finnische Fernsehen verantwortlich, das Filme und Serien grundsätzlich in Originalsprache mit Untertiteln zeigt. (APA)

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