Afrika, der Klimawandel und die G-8

9. Mai 2005, 14:25
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Ausbleibender Regen trägt nicht nur zu Hungersnöten und chronischem Hunger bei, sondern auch zum Ausbruch von Gewalt - Von Jeffrey D. Sachs

Einer Erklärung des britischen Premierministers Tony Blair zufolge, werden Armut in Afrika und die globale Klimaveränderung die beiden zentralen Themen beim G-8-Gipfel im kommenden Juli sein.

Tatsächlich sind sie miteinander verbunden. Eine Reise, die ich in ein Dorf in Nordäthiopien unternommen habe, zeigt warum. Eines Morgens brachte man mich zu einem trockenen Flussbett.

Bauern waren dabei, eine Grube in das Flussbett zu graben, die bis zum Grundwasserspiegel in etwa zwei Meter Tiefe reichte. Sie erklärten, dass dieser Fluss bis vor kurzem dauernd Wasser führte, das ganze Jahr über, nun aber während der Trockenzeit aufgehört hatte zu fließen.

Erst wenn im Sommer die alljährlichen Regenfälle einsetzen, kehrt Wasser in den Fluss zurück. Bis es so weit ist, wird in den an Wassermangel leidenden Gemeinden nach Wasser gegraben, wenn sie es finden und es sich leisten können, es herauszupumpen.

In Nordäthiopien hat sich der Regenkreislauf, wie in weiten Teilen Afrikas, in den letzten Jahren deutlich verändert. Das Leben hängt schon seit langem von zwei Ernten ab, eine während kurzer Regenfälle im März und die Haupternte während des langen Regens in den Sommermonaten.

In den letzten Jahren sind die kurzen Regenfälle gänzlich ausgeblieben und die längeren Regenfälle unregelmäßig aufgetreten. Hunger ist allgegenwärtig.

Weniger Regenfälle

In weiten Teilen des wasserarmen Afrikas südlich der Sahara, insbesondere in der Sahelzone, haben die Regenfälle im Lauf der letzten fünfundzwanzig Jahre deutlich abgenommen.

Dieser Rückgang fällt mit einem Anstieg der Oberflächentemperatur des benachbarten Indischen Ozeans zusammen, ein Hinweis darauf, dass dies tatsächlich Teil eines langfristigen Prozesses der vom Menschen herbeigeführten Erderwärmung sind.

Ausbleibender Regen trägt nicht nur zu Hungersnöten und chronischem Hunger bei, sondern auch zum Ausbruch von Gewalt, wenn hungrige Menschen über knappe Nahrungsmittel und Wasser aneinander geraten.

Wenn Gewalt in Regionen ausbricht, in den Wasserknappheit herrscht, so etwa im Sudan, tendieren führende Politiker dazu, die Probleme in eng gefassten politischen Zusammenhängen zu betrachten. Wenn sie überhaupt handeln, mobilisieren sie Friedenswächter, internationale Sanktionen und humanitäre Hilfe.

Doch dringender als Friedenswächter wäre eine Entwicklungsstrategie zur Bekämpfung von Hunger und Dürre. Unter verzweifelt hungrigen Menschen können Soldaten keinen Frieden wahren. Eine Vorgehensweise muss darin bestehen, verarmten Regionen in Afrika dabei zu helfen, sich an den Klimawandel "anzupassen" und der Armutsfalle zu entkommen.

Wasserarme Regionen wie Äthiopien und Sudan könnten zumindest teilweise Technologien wie Tröpfchenbewässerung, Regenwassernutzung, Anlagen zur Wasserspeicherung, tiefe Brunnen und Techniken der Agroforstwirtschaft helfen. Bessere Bodenbearbeitungspraktiken (zum Beispiel die Wiederaufforstung auf erodiertem Boden) kann unterirdische wasserführende Systeme wieder auffüllen.

Arme Länder können sich das allein nicht leisten. Das sollten sie auch nicht müssen. Die Unterstützung armer Länder in Afrika und anderswo bei der Anpassung an den Klimawandel sollte nicht als Wohltätigkeit oder Hilfe bezeichnet werden, sonder als Wiedergutmachung für Schäden, denen die Ärmsten auf diesem Planeten ausgesetzt werden.

Zusätzlich zur Anpassung an den Klimawandel muss die Welt zukünftige Risiken für den Planeten durch die Senkung der Emission von Treibhausgasen verringern, die der Ursprung des von Menschenhand geschaffenen Klimawandels sind.

Wenn es nicht gelingt, zukünftige Klimaveränderungen zu mildern, werden die Auswirkungen steigender Temperaturen, zunehmender Dürreperioden, zahlreicherer und schwererer tropischer Stürme, steigender Meeresspiegel und einer Ausbreitung von Tropenkrankheiten eine enorme Bedrohung für den gesamten Planeten darstellen. Die Hungersnöte in Äthiopien und die Gewalt im Sudan lassen darauf schließen, was möglicherweise vor uns liegt.

Die beste Methode den Klimawandel auf lange Sicht zu verringern, ist die Reduzierung der Kohlenstoffemissionen. Es gibt mindestens drei Möglichkeiten: Ein Wechsel zu Energiequellen, die keinen Kohlenstoff produzieren, wie Sonnen- oder Atomenergie; das Auffangen und Entsorgen von Kohlendioxid aus Kraftwerken; Einsparungen beim Energieverbrauch, beispielsweise durch ein Umsteigen auf Personen- und Transportfahrzeuge mit Hybridantrieb.

Zur wirksamen Reduzierung von Treibhausgasen werden über Jahrzehnte Maßnahmen erforderlich sein, aber angesichts der langen Realisierungszeiten bei der Überholung der Energiesysteme auf der Welt, müssen wir jetzt damit anfangen.

Die Vereinigten Staaten wänden unter den reichen Ländern den kleinsten Teil ihres BSP für Hilfe auf, und weigern sich zudem, an den globalen Bemühungen zur Verringerung von Treibhausgasemissionen teilzunehmen. Ironie: Afrikanische Länder wie Äthiopien stehen loyal im Kampf gegen Terrorismus an der Seite der USA. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.03.2005)

Jeffrey D. Sachs ist Professor für Wirtschafts­wissen­schaften und Leiter des Earth Institute an der Columbia University. © Project Syndicate, 2005. Übersetzung: Sandra Pontow.
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