Parsifal im Dickicht der Mythen

25. März 2005, 12:02
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Auf nur schwach geteilte Ablehnung seitens des Publikums stieß Bernd Eichingers Inszenierung von Wagners "Parsifal" an der Staatsoper unter den Linden

Am Pult sorgten Daniel Barenboim und ein firmes Ensemble für unantastbares musikalisches Niveau.


Wenige Tage vor der Premiere wusste Bernd Eichinger noch nicht, ob er sich Samstagabend die Premiere seiner Parsifal-Inszenierung überhaupt ansehen oder den langen Abend nicht besser für einen Spaziergang nutzen sollte. Die Entscheidung wird im leicht gefallen sein: Bei so eisiger Witterung sitzt man lieber in einem von ihm inszenierten Parsifal, als sich auf der Straße herumzutreiben.

Und noch etwas ließ der mitteilsame Filmproduzent verlauten: Dass er in Los Angeles, seinem zweiten Wohnsitz, als Kontrastprogramm zur kalifornischen Wirklichkeit, immer die Ilias und die Odyssee liest. Hätte er anstatt zu Homers ehrwürdigen Epen nach Richard Wagners Bühnenweihfestspiel gegriffen, wäre sein mutiger Gang durch das ästhetische Labyrinth des Musiktheaters vielleicht weniger enttäuschend verlaufen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Bernd Eichinger missversteht Wagners Parsifal als Filmmusik und degradiert sie zu einer solchen. Nicht zuletzt, weil sein arbeitstechnischer Ausgangspunkt an sich klug und klar ist. Er setzt in seiner Gestaltung jene Mittel ein, die er beherrscht, jene des Films. Da das Musiktheater überdies schon lange auf eine Erweiterung seiner Möglichkeiten durch dieses Medium wartet, wäre diese Entscheidung sogar zu begrüßen.

Doch Eichinger tut in seinem Übereifer des Guten zu viel. Für den österreichischen Betrachter lässt sich dieser Berliner Parsifal optisch sogar ganz gemütlich an. Weil Eichinger in seinem Regiedebüt nicht das Werk, sondern gleich die ganze Welt erklären will, lässt er wie zu Beginn unserer TV-Nachrichten Mutter Erde sich zunächst einmal sehr ausführlich um sich selbst drehen. So weit, so fad. Aber immerhin ist man noch bereit, Eichinger auf den Spuren von Wagners ins Allgemeine weisender Musik bis in den Kosmos zu folgen.

Doch allmählich erhält diese Bilderwelt etwas unangenehm Professorales. So wird in der Verwandlungsmusik im ersten Akt ein wilder Orkan an Projektionen entfesselt, der mit allem, was von den Pyramiden bis Stonehenge und zwischen dem alten Griechenland und Japan mythologisch gut und teuer ist, beklemmend sinnlos neben den Noten herbraust. Die erste Gralsszene spielt schließlich vor dem Hintergrund des zerbombten Berlin, hinter der zweiten steht New York in Flammen. Auf diese Weise werden Jens Kilians Bühnenbauten eigentlich zur Nebensache.

Globale Bezüge

Da merkt man dann Eichingers Absicht und ist natürlich verstimmt. Denn gemeinsam mit seinen filmischen Zuarbeitern, Torge Müller und Momme Hinrichs, versucht er Parsifal vom pseudoreligiösen Mief zu befreien, indem er das Werk auf ein schmerzendes Gitter willkürlich herbeigezwungener globaler Bezüge spreizt. Eichinger scheitert, weil Wagners tonal ausgeglühte späte Musik nicht zur Illustration beliebiger Mythen nutzbar ist. Vor allem scheitert er auch, weil diese zu höchster Künstlichkeit verdichtete Musik als tönende Unterlage für reale, in ihrer Substanz unveränderte Bilderfolgen ungeeignet ist.

Vielleicht bedurfte es dieser in Berlin nun missglückten mythologischen Parsifal-Dehnung, um den ästhetischen Rang von Christoph Schlingensiefs Bayreuther Inszenierung dieses Werkes, die ähnliche Ziele anvisierte, zu erkennen. Erstaunlicherweise punktete Eichinger hingegen in einem szenischen Bereich, der sonst nur von Routiniers beherrscht wird, nämlich in der Personenführung.

Da wurden Musik und Text an ihren entscheidenden Schnittstellen plötzlich sichtbar und sinnfällig. Da ereignete sich, etwa in den erschütternden Aktionen des in seiner Gebärdensprache sogar an den leidenden Papst erinnernden Amfortas, bestes Musiktheater. Der Garant für solches heißt natürlich Daniel Barenboim, der mit seiner Staatskapelle im Orchestergraben, ähnlich Alberich mit seinen Helfern in Nibelheim, Wagners Musik - zu Beginn in auffällig langsamem Tempo - ungerührt vom Hagel der Bilder zeitlos gültig realisierte und diese Unantastbarkeit auch innerhalb des Ensembles aufrechtzuerhalten vermochte.

An erster Stelle ist da wohl Hanno Müller-Brachmann zu nennen, der den Amfortas durch die berührende Einheit von Gesang und Gestik zum dramatischen Zentrum der Aufführung machte. Auch sonst keine Schwachstellen. Auch wenn Burkhard Fritz mit der Titelpartie - noch - etwas überfordert schien. Trotz makelloser Intonation war die Anstrengung, die ihn diese kostete, nicht zu überhören.

Auch an Michaela Schusters Kundry merkte man, dass sie mit ihrem in den verschiedenen Stimmlagen ungleich gefärbten Mezzo in Situationen höchster Dramatik an ihre Grenzen geriet. René Papes Gurnemanz, Jochen Schmeckenbechers Klingsor und Christof Fischessers Titurel festigten ebenso wie die von Eberhard Friedrich studierten Chöre das glanzvolle Musikniveau dieser Produktion. (Der Standard, Printausgabe, 21. 3. 2005)

Von
Peter Vujica aus Berlin
  • Regisseur Bernd Eichinger wollte Wagners "Parsifal" als Filmmusik verstehen, was in Berlin eine Flut von Bildern zur Folge hatte.
    foto: staatsoper

    Regisseur Bernd Eichinger wollte Wagners "Parsifal" als Filmmusik verstehen, was in Berlin eine Flut von Bildern zur Folge hatte.

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