"Die Koedukation ist gescheitert"

25. Oktober 2006, 14:03
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Heidi Schrodt, Direktorin des Gymnasiums Rahlgasse in Wien, über naive Hoffnungen in die Koedukation, Verlierer auf beiden Seiten, übergangene Mädchen und coole Buben

Standard: Ist Koedukation, gemeinsamer Unterricht von Buben und Mädchen, gescheitert?

Schrodt: Ja, sie ist gescheitert, weil sich die Hoffnungen, die man in sie gesetzt hat, nicht erfüllt haben. Nämlich dass sich, wenn man Mädchen und Buben gemeinsam unterrichtet im Sinne einer aufgeklärten Gesellschaft, ein natürliches partnerschaftliches selbstverständliches Miteinander ergibt. Das war, im Nachhinein gesehen, naiv, weil sich Geschlechterverhältnisse natürlich in der Schule widerspiegeln.

STANDARD: Wer hat von der Koedukation mehr profitiert - die Buben oder die Mädchen?

Schrodt: Beide Geschlechter haben profitiert, weil die verzopfte Schule, die hinter den alten geschlechtshomogenen Schulen gestanden ist, zum Glück nicht mehr gesellschaftsfähig ist. Aber in der jetzt praktizierten, naiven Form der Koedukation gibt es Verlierer auf beiden Seiten.

STANDARD: Was sind die Nachteile für Mädchen?

Schrodt: Der Unterricht findet in den Naturwissenschaften, aber auch in der Mathematik so statt, dass er den Zugängen der Mädchen nicht entspricht. Es zeigt sich, dass die Schule nicht in der Lage ist, gegenzusteuern gegen gesellschaftlich noch immer sehr starke Stereotype der Berufswahl von Mädchen - aber auch Buben.

STANDARD: Was ist mit den Buben in den Schulen?

Schrodt: Es hat sehr stark zugenommen, dass Buben Schulversager sind. Sie haben viel häufiger Nicht genügend, fallen sehr viel häufiger durch, haben viel schlechtere Noten insgesamt als Mädchen. Buben haben im Sprachlichen ganz große Defizite. Und was noch schlecht und ganz schlimm ist, dass die Buben in der Schule sehr viel mehr verhaltensauffällig und in aggressive Handlungen verwickelt sind als die Mädchen. Die Koedukation in der momentanen Form verfestigt herkömmliche Geschlechtsstereotype.

STANDARD: Wie äußert sich das?

Schrodt: Die Buben müssen cool sein. Zu diesem Cool-Sein gehört offensichtlich Leistungsverweigerung, Rudel bilden, Mobbing gegenüber anderen. Bei Mädchen werden die Konflikte viel weniger sichtbar und eher auf der Ebene Psychoterror ausgetragen, also Freundinnen ausgrenzen. Die Mädchen sind nach wie vor ganz massiv Opfer von sexistischen Übergriffen. Das spielt sich alles bis 14 ab, dann wird es besser.

STANDARD: Welche Rolle spielen die Lehrerinnen und Lehrer?

Schrodt: Buben bekommen insgesamt mehr Zuwendung, und sei es durch Ermahnen. Häufig wird durch die Lehrer und Lehrerinnen auch typisch männliches und typisch weibliches Verhalten verstärkt. Wenn Burschen aggressiv sind, heißt es dann, das ist ein wilder Bub. Daher muss man auf Lehrerebene ansetzen.

STANDARD: Was kann zeitweilig getrennter Unterricht bringen?

Schrodt: Wir haben in Werkunterricht und der Lernwerkstatt Mädchen- und Burschengruppen ganz fix, und phasenweise für Konfliktlösung. Im Fach Lernwerkstatt wird fächerübergreifend Naturwissenschaft gelehrt und die Kinder sollen forschen lernen. Seit zwei Jahren haben wir geschlechtshomogene Gruppen und das geht wunderbar.

STANDARD: Was sagen die Kids?

Schrodt: Wichtig ist, dass man es nicht dramatisiert und sagt, jetzt machen wir groß Mädchen extra, Buben extra. Das haben wir mit unseren zwei Mädchenklassen gehabt. Das würde ich nicht mehr machen, das erzeugt Abwehrhaltungen. Es muss selbstverständlich sein, dass es das gibt - Situationen, wo es den Mädchen und Buben leichter fällt, die Handlungsspielräume zu erweitern in Hinblick auf die Kategorie Geschlecht.

(Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 19.3.05)

ZUR PERSON: Heidi Schrodt (54) lehrt an der Uni Klagenfurt "Geschlechter- verhältnisse in der Schule".
  • "Die Buben müssen cool sein".
    foto: standard/urban

    "Die Buben müssen cool sein".

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